Es gibt Krach – und zwar in der Freiburger Innenstadt. Deswegen hat der dortige Lokalverein unlängst ein „Bündnis gegen Lärm“ ins Leben gerufen, welches allerorten in Freiburg-City auch Flagge zeigt. Die Lärmgegner fühlen sich durch Feiernde in ihrer Nachtruhe beeinträchtigt und fordern daher unter anderem einen patrouillierenden Ordnungsdienst und Veränderungen bei den Sperrzeiten. Daraufhin hat sich die Gegenseite – vornehmlich Gastronomen und Partyvolk – zu einer „Initiative Pro Nachtleben“ zusammengeschlossen. In der chilli-Redaktion haben sich der erste Vorsitzende des Lokalvereins Michael Fleiner (76 Jahre) und der Sprecher der Initiative Corin Fischer (33) an einen Tisch gesetzt und Argumente ausgetauscht.

Gekommen, um zu streiten: Michael Fleiner (l.) und Corin Fischer im Büro von chilli-Redakteur Felix Holm.

 

chilli: Jetzt dürfen Sie Ihrem Ärger Luft machen: Was stört Sie jeweils an der Haltung der Gegenseite?

Fleiner: Unsere Meinungsverschiedenheiten sind ja offenbar gar nicht so groß. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat die Initiative Pro Nachtleben bereits zumindest Verständnis für unser Problem mit dem Lärm signalisiert. Man wolle die feiernden Leute „sensibilisieren“, hieß es in einem Zeitungsartikel. Das finde ich schön. Aber ich bin Jurist und damit von Berufs wegen Skeptiker. Da frage ich Sie: Wie wollen Sie das machen?

Fischer: Auch ich sehe tatsächlich viele Übereinstimmungen mit unseren Zielen. Wir wollen beide das Gleiche. Auch unserer Meinung nach ist der Zustand in der Innenstadt unhaltbar.

Fleiner: Schön, dass Sie das sagen.

Fischer: Das einzige Problem sehe ich darin, dass Sie als Verein sehr viel an der Sperrzeit festmachen. Dadurch fühlen sich die Wirte angegriffen. Ich glaube, dass man die Sperrzeit nicht verlängern sollte, so wie Sie es fordern, sondern im Gegenteil: Man sollte Sie gänzlich abschaffen. Es gibt Beispiele aus Koblenz und Mönchengladbach, wo genau diese Lösung zum erhofften Ziel geführt hat. Dort hat man festgestellt, dass das Feierpublikum, wenn die Läden alle zur selben Zeit schließen, grundsätzlich geballt auf die Straßen strömt und dann dort Stress macht. In den genannten Städten hat sich das komplett entzerrt.

Fleiner: Die Idee höre ich jetzt zum ersten Mal. Auf die Schnelle würde ich allerdings sagen, dass ich das nicht unbedingt für eine gute Lösung halte. Das Lärmproblem ist das eine. Es geht uns ja aber nicht nur um Lautstärke. Wenn Leute aus den Clubs kommen, pinkeln die in Hauseingänge und hinterlassen noch ganz andere Spuren, von denen ich hier gar nicht reden möchte. Und das bekommt man nicht mit einer Aufhebung der Sperrzeiten in den Griff.

Fischer: In Freiburg kann nur eine lokale Lösung gefunden werden, wenn sich alle zusammen an einen runden Tisch begeben und miteinander reden. Wir wollen alle das Gleiche. Keiner will Randale auf den Straßen.

Fleiner: Es gab ja Anfang Juli eine halb-öffentliche Veranstaltung im Zähringer Bürgerhaus, da waren die Chefs der öffentlichen Ämter aus Heidelberg, Köln und Mannheim hier, die erklärt haben, was sie alles tun. Was mich ärgert: In Freiburg wird von städtischer Seite aus gar nichts getan. Seit fünf Jahren machen wir nichts als runde Tische – und passieren tut nichts. Das ist lästig.

Michael Fleiner und Corin Fischer

 

chilli: Was soll denn passieren? Spielen Sie auf den von Ihrem Verein geforderten kommunalen Ordnungsdienst an?

Fischer: Wenn ich dazu etwas sagen dürfte: Eine Art „Sheriff“ sehen wir sehr kritisch, da wir befürchten, dass plötzlich willkürlich Platzverweise ausgesprochen würden. Das könnte auch als Provokation aufgefasst werden und unterm Strich gar für mehr Ärger sorgen. Eher könnte ich mir eine Art Polizeistreife vorstellen. In Koblenz oder Gladbach, wo die Sperrzeiten gekippt wurden, ist man aber gänzlich ohne erhöhtes Polizeiaufkommen ausgekommen.

Fleiner: Eine Streife wäre vielleicht eine Lösung. Zu Zeiten des Alkoholverbotes auf öffentlichen Innenstadtplätzen gab es ja auch verstärkte Polizeipräsenz am Bermudadreieck. Aber ich habe ein Schreiben aus Stuttgart, in dem bestätigt wird, dass mit einer Aufstockung des Polizeipersonals nicht zu rechnen ist. Die Idee ist toll, aber die Polizei hier hat einfach nicht genügend Leute. Daher halten wir an unserem Vorschlag mit dem kommunalen Ordnungsdienst fest.

 

chilli: Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hatte vor vier Jahren das vom Freiburger Rathaus verhängte Verbot wieder einkassiert. Grün-Rot prüft gerade, ob es einen erneuten Anlauf geben kann. Wie stehen Sie zum Alkoholverbot im öffentlichen Innenstadt-Freiraum?

Fleiner: Wenn ich richtig informiert bin, hat das damals etwas genutzt. Dann würde ich ein deutliches „Ja“ aussprechen.

Fischer: Es gibt wenig Argumente dagegen. Aber wer sich betrinken will, findet auch dafür einen Weg. Und Repression hat selten zur Erziehung von Menschen beigetragen. Je mehr Freiheit man Menschen gibt, desto mehr regelt sich eine Problematik meist von selbst. Wenn ich eine Partygesellschaft um fünf Uhr auseinanderreiße, habe ich eine immer noch feierlustige Masse auf der Straße. Wenn jeder selber entscheiden darf, gehen die Leute nach Hause, wenn sie müde sind, und haben dann keinen Grund mehr zu randalieren.

 

chilli: Gibt es eine Alternative?
Fischer: Ich denke, dass vielleicht auch von den Gastronomen mehr kommen muss. Die Gäste müssen noch mehr sensibilisiert werden – etwa von den Türstehern. Die Freiburger Gastronomen bieten an, eine Kampagne zu starten, bei der Aktionen wie etwa ein „Shut-Down“ stattfinden. Dabei könnte zum Beispiel an einem Samstag um Punkt zwei Uhr in allen Freiburger Clubs und Bars zeitgleich die Musik ausgehen, das Licht angehen und der DJ liest einen gemeinsam ausgearbeiteten Text vor, der zu mehr Verständnis aufruft.

Fleiner: Da halte ich nicht viel davon. Wenn ich schon so und so viel in der Krone habe, kann der Wirt erzählen, was er will. Deswegen war ja auch die Säule der Toleranz ein Flop. Das Ganze hat auch etwas mit einem Werteverlust zu tun. Als ich jung war, habe ich auch mal einen über den Durst getrunken. Aber ich bin nie auf die Idee gekommen, randalierend durch die Stadt zu ziehen.

Fischer: Vielleicht könnten wir auch eine Hotline einrichten, die zwischen Lärmgeplagten und Gastronomen vermittelt? Mit Anzeigen und solchen Dingen wird man in meinen Augen jedenfalls nicht weiterkommen. Und ich finde es auch nicht gut, wenn man die Gastronomie mit Konsequenzen bedroht, die existenzgefährdend sind. So geht der konstruktive Dialog auf lange Sicht jedenfalls verloren.

Fleiner: Sie sprechen immer von der „Gastronomie“. Aber es handelt sich in Freiburg um höchstens fünf bis zehn Clubs, die dauernd auffallen. Die ganze normale Gastronomie wird für diese mit in Sippenhaft genommen.

Fischer: Können Sie die Clubs namentlich nennen, damit man mit denen mal das Gespräch sucht?

Fleiner: Da ist etwa das Elpi in der Schiffstraße, das Rängtengteng in der Grünwälderstraße, das Artik am Siegesdenkmal, das Schneerot, Juris Bar in der Gerberau, das neu- beziehungsweise wiedereröffnete Dreieck und neuerdings fällt auch das Café Ruef mit dem Ruefetto mehr und mehr negativ auf.

Fischer: Wären Sie damit einverstanden, mit denen ins Gespräch zu treten?

Fleiner: Kein Problem. Dazu muss ich allerdings nachtragen, dass es im Frühjahr bereits ein offizielles Treffen mit den Gastronomen in der Gerichtslaube gab. Da waren die Betreiber dieser Bars weitestgehend nicht da. Und einer, der da war, hat nach dem Motto „Was wollen Sie überhaupt?“ argumentiert.

Fischer: Wir wollen dennoch mit denen zusammenarbeiten, um die Partykultur in Freiburg zu erhalten. Da hängen ja auch wirtschaftliche Interessen dran. In Betrieben wie dem Tacheles oder dem Schlappen arbeiten bis zu 50 studentische Aushilfskräfte, wenn das Atlantik zumacht, muss Ganter die Produktion verkleinern und Leute entlassen – da wären Existenzen von betroffen. Außerdem würde eine Schließung der Clubs auch eine Verwaisung der Innenstadt zur Folge haben. Die Sperrzeiten können der Situation in den Innenstädten nicht gerecht werden. Daher beschweren sich die Anwohner dort auch zu Recht. Wir glauben, dass man das durch eine Liberalisierung der Sperrzeit entzerren kann.

Fleiner: Eine Verwaisung der Innenstadt? Haben Sie mal die Einwohnerzahlen der Innenstadt überprüft? Dort gibt es jetzt schon fast keine Familien mehr, fast nur Singlehaushalte oder Studenten-WGs. Es stellt sich hier die Frage, ob die wirtschaftlichen Interessen der Discobetreiber oder die Bewohner wichtiger sind. Und es ist klar, dass die Bewohner Vorrang haben müssen.

 

chilli: Herr Fleiner, Herr Fischer, vielen Dank fürs Gespräch.

 

Text: Felix Holm / Fotos: Felix Holm, Tanja Bruckert und Cathrin Pflüger

 

 

Ende der Festkrise?
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Die Nachwehen der Festkrise:
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Die Festkrise und ihre Folgen:
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