Die Angst geht um vor einer globalen Verschwörung: Die Rede ist von „Chemtrails“, eine Wort-Kombination aus „Chemie“ und „Contrails“ (engl.: Kondensstreifen). Mithilfe von Flugzeugen werden Substanzen versprüht, um das Klima zu beeinflussen und die Bevölkerung zu dezimieren – so eine Theorie. Auch in Südbaden gibt es Menschen, die fest daran glauben.

 

Wer über Chemtrails spricht, wird schnell als Spinner verunglimpft. „Mein Ruf hat gelitten“, sagt Dominik Storr, Sprecher der bundesweiten Initiative „Sauberer Himmel“. Hauptberuflich arbeitet Storr als Rechtsanwalt, nebenbei kämpft er gegen den „militärisch-industriellen Komplex“, wie er das Konglomerat aus Konzernen, Militärs, Geheimdiensten und Politikern nennt. Schon Eisenhower habe davor gewarnt (stimmt), genau wie Kennedy – „und dann war er tot.“

 

Michael Pfeiffer: Manipulieren Eliten? Bild: Steve Przybilla.

Michael Pfeiffer: Manipulieren Eliten? Bild: Steve Przybilla.

 

Zu den südbadischen Chemtrails-Anhängern zählt etwa Michael Pfeiffer, 67 Jahre alt, aktiv bei der Spirituellen-Partei „Die Violetten“. Der regionale Sprecher von „Sauberer Himmel“ sagt, er habe rund 50 Mitstreiter. Dazu zählt auch das „Institut für Neurobiologie nach Dr. Klinghardt“ im Glottertal. Ende Oktober organisierte das Institut ein Seminar in Denzlingen, um vor Chemtrails zu warnen. Auf Anfragen reagierte Klinghardt bis Redaktionsschluss nicht – er praktiziere gerade in den USA, sagt eine Mitarbeiterin.

Pfeiffer zeigt sich hingegen offen. Er vermutet, dass „Eliten“ das Wetter manipulieren, um die Bevölkerung zu dezimieren. „Wir haben Regenwasser untersucht und flächendeckend Rückstände von Aluminium, Barium und Strontium gefunden.“ Dass dies in einem hoch industrialisierten Land auch andere Ursachen haben könnte, lässt er nicht gelten.

Tatsächlich erforschen Wissenschaftler seit Längerem, wie man den Klimawandel künstlich verzögern könnte. Der Harvard-Professor David Keith spricht sich etwa dafür aus, bestimmte Partikel in der Stratosphäre freizusetzen, um Sonnenstrahlen zu reflektieren. Die Bundesregierung hat solchen Experimenten jedoch eine Absage erteilt: zu riskant und viel zu teuer.

 

Apropos Geld: Wie ließe sich ein milliardenschweres Chemtrails-Projekt denn bezahlen? „Da müssen Sie bei den Tätern anfragen“, kontert Storr. Als Beispiel für Chemtrails führt er „Agent Orange“ an, das berüchtigte Entlaubungsmittel, das die Amerikaner im Vietnamkrieg einsetzten. Oder Pestizide. „Die werden doch auch versprüht.“

Aber eine globale Verschwörung gegen die Menschheit? Storr zögert. Die Absichten seien nicht zwangläufig schlecht, sagt er schließlich. „Wahrscheinlich ist die Ozonschicht durch Atombombentests so beschädigt, dass man sie mit solchen Mitteln retten will.“ Genauso gut könne aber auch die Agrarlobby dahinterstecken.

Beweise? Belege? Fehlanzeige. Stattdessen bedienen sich die Chemtrails-Gläubigen all jener Methoden, die typisch für Verschwörungstheorien sind: Unabhängige Sachverhalte werden so lange kombiniert, bis sie einen Sinn ergeben. Alles, was der Theorie widerspricht, untermauert nur die Verschwörung.

 

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Widersprüche? Untermauern die Theorie. Bild: Steve Przybilla.

 

An Widerspruch mangelt es nicht. „Wie jeder kraftstoffbetriebene Motor emittiert auch ein Flugzeugtriebwerk Abgase und Partikel“, erklärt Tilo Arnhold vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung auf chilli-Anfrage. Der Zweck sei allerdings die Fortbewegung – und nicht etwa das Versprühen von Chemikalien. Auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der Deutsche Wetterdienst, das Umweltbundesamt und der Meteorologe Jörg Kachelmann stellen sich entschieden gegen die Chemtrails-Theorie. Greenpeace amüsiert sich gar über den „Himmel voller Verschwörer“.

 

 

Text und Bilder: Steve Przybilla