Zugegeben, das dämliche Schlagwort von den „Breisgau-Brasilianern“ kann man nicht mehr hören. Doch es gibt sie ohne Zweifel, die feinen Connections zwischen Rio und Freiburg, gerade auf musikalischem Terrain. Schließlich hat schon Hans-Joachim Koellreutter, der Klavier- und Kompositionslehrer von Bossa-Nova-Gigant Antônio Carlos Jobim, an der hiesigen Uni seine Laufbahn begonnen. Heute werden die Bande von Ralf Schmid weitergesponnen, er ist Jazzprofessor an der Freiburger Musikhochschule. Seine Vita freilich hört sich so gar nicht nach trockenem Akademiker an.

Jazz_1
1969 in Konstanz geboren, hört Schmid von Kindesbeinen an eine breite Palette Jazz- und Brasilplatten von Sergio Mendes bis Ella Fitzgerald. Nach einem Studium im klassischen Pianofach, in Jazzkomposition und Filmmusik geht er für einige Jahre nach New York und L. A., arbeitet als Arrangeur und Sessionmusiker für Herbie Hancock, Whitney Houston, Dionne Warwick und viele andere Stars, gründet im Big Apple gar sein eigenes Label ObliqSound.

Zurück in Deutschland erhält er 2002 einen Lehrstuhl an der Freiburger Uni, dirigiert und arrangiert für fast alle deutschen Radio-Bigbands, stellt gemeinsame Projekte mit dem Trompeter Joo Kraus auf die Beine, steht in Diensten von Nana Mouskouri und Nina Hagen … Man könnte noch ein Weilchen weitermachen, aber schon hier wird deutlich: Der Mann ist mit allen musikalischen Wassern gewaschen.

2008 schließlich packt ihn das Faible für Brasilien, es wird die jüngsten Jahre seines Schaffens bestimmen. Schuld ist Kollege Joo Kraus, der ihm eine CD der Jobim-Sängerin Paula Morelenbaum vorspielt: „Mehr kann man sich von einer Stimme nicht wünschen“, schwärmt Schmid heute noch. Und hat die Chuzpe, bei der Dame aus Rio vorstellig zu werden. Die ist von der Arrangierkunst des jungen Deutschen begeistert, der sich den Bossa-Klassikern auf seine ganz eigene Weise nähert. „Der Rhythmus ist für mich ein Credo, ich fange meistens an, ein Stück mit dem Groove zu spüren. Wenn ich also Dinge nach meinem eigenen Gusto stricken will, dann muss ich im Erdgeschoss anfangen.“

Jazz_2
Mit seiner Leib- und Magenformation, der Stuttgarter SWR Bigband, formt Schmid für Morelenbaums Stimme eine ganz neue deutsch-brasilianische Klangwelt, die Schumann- und Debussy-Anklängen genau wie sanften Electronics Raum lässt. „Bossarenova“, die resultierende Produktion, bekommt sowohl in Brasilien, in den USA als auch in Europa enthusiastische Reaktionen. Im Eifer der tropischen Begeisterung trifft Schmid 2011 gleich seinen nächsten Brasil-Helden. Der Songwriterstar Ivan Lins, der in den Staaten von Quincy Jones und Herbie Hancock wegen seiner ausgefeilten, hymnischen Kompositionen vergöttert wird, hat Wind bekommen von der Qualität der Schmidschen Produktionen. Der Mann aus Rio bringt einen ganzen Koffer mit unveröffentlichten Liedern an die Dreisam.

In zweijährigem Feinschliff – wiederum mit der SWR Bigband, aber auch mit einer Rhythmusgruppe aus NY und einem südafrikanischen Chor – entsteht das nun im März erscheinende „Cornucopía“. „Die Platte ist wie ein Baumkuchen, da stecken unglaublich viele Schichten drin“, erzählt Schmid. Ein Traum sei es für ihn gewesen, mit dem Helden seiner Kindheit ins Studio zu gehen. Während des Deutsch-Brasilianischen Kulturjahres wird das Programm in São Paulo aufgeführt und im Herbst auch hierzulande auf die Bühne kommen.

Derweil steht der rastlose Professor schon in den Startlöchern für neue Projekte: Das „Bossarenova“-Projekt als reduziertes Trio mit Kraus und Morelenbaum hat nach Bühnentests von San Francisco bis Freiburg nun auch eine CD eingespielt. Und demnächst wird er mit dem Vokalensemble des SWR arbeiten. Das Ziel ist Brasilien denkbar entgegengesetzt: „Eine Bearbeitung des norwegischen Peer-Gynt-Stoffes“, verrät er, „aber natürlich nach meiner Lesart!“

Text: Stefan Franzen / Fotos: Ralf Schmid