Im Herbst 2011 fragten sich einige Studenten: Wie kann Leben in der Stadt sein, wenn nicht einmal die Bienen und die Blumen leben, wie sie wollen? Für Malena Lutz fehlten die Mauerblümchen und die blühenden Freuden zwischen all dem neuen und grauen Beton. So begann sie gemeinsam mit Gleichgesinnten, Baumscheiben zu bepflanzen. Zunächst vor der eigenen Tür und im Jahr darauf zusammen mit und vor dem Theater. „Bambis Beet“, wie die dort angelegten Grünflächen genannt werden, blieb auch diesen Sommer der präsenteste aller urbanen Gärten der Stadt. Insgesamt gibt es davon inzwischen mehr als zehn.

Kleine Blumenwiese

 

Dennoch hängt die Green City dem Bundestrend hinterher. Freiburg ist spät und sehr verhalten auf den Zug des „urbanen Gärtnerns“ aufgesprungen. In Berlin stehen die 2009 ausgehobenen Prinzessinnengärten beinahe schon im Reiseführer. Dort wird kostenneutral Selbstangebautes in einem urbanen Gartencafé verkauft, und im neu-grünen Prenzlauer Berg ist beinahe jede zweite Baumscheibe eingezäunt und bepflanzt. In Dessau gibt es eine urbane Farm mit „Leasing-Ziegen“, und in Düsseldorf wachsen Yuccas aus Autoreifen. Ehemalige Guerilla-Gärtnerinnen wie die Düsseldorferin Tita Giese arbeiten bereits bundesweit zusammen mit Architekten an neuen Stadtbildern.

 

Von Guerilla ist Malena Lutz inzwischen auch weit entfernt. „In meiner Vorstellung geben die urbanen Gärtner der Stadt einfach ein bisschen Leben zurück“, erklärt die studierte Ethnologin und beschreibt, was Leben für sie bedeutet: „Wilde Blumen, natürliche Ästhetik, ein Teppich aus kleinen bunten Flecken, an denen man sich entspannen und wohlfühlen kann.“ Das sehen nicht alle so: Eine ältere Passantin beschimpfte Lutz und ihre Mitgärtner neulich als Chaoten; dieser „Stadtdschungel“ sei einfach nur unordentlich und furchtbar. Andererseits erfreuten sich die selbst gezimmerten Bänke vor dem Theater stets vieler Nutzer.

 

Im umgebenden urbanen Garten darf prinzipiell auch jeder alles säen und ernten. Beinahe. Duftendes Marihuana vor dem Theater klingt zwar nach (Sub-)Kultur, wurde von Lutz aber bereits entfernt. Und spätestens als in einem urbanen Garten im Rieselfeld ein Kompost brannte, sahen sich denn auch die wildernden Stadtbegrüner gezwungen, Unkraut und Rüben zu trennen. Regeln mussten her, seither haben sich die Freiburger Wildgärtner organisiert: Transition Town Freiburg und Initiative Essbares Rieselfeld sind nur die beiden größeren von insgesamt inzwischen mehr als acht gut strukturierten Gärtnergruppen.

Liebe Mitmenschen, hier entsteht gerade ein Garten! Könnten sie ihre Fahrräder bitte nur von außen an die Stange stellen.

 

Geht es nach Martin Leser vom Gartenbauamt der Stadt Freiburg, dürften die Gärtner gerne noch ein paar Ableger mehr bilden. Dabei war man sich nicht Immergrün, wie Leser feststellt: „Es kann sich ja nicht irgendjemand irgendwelcher Flächen bemächtigen, daher haben wir einen konkreten Ansprechpartner gefordert.“ Inzwischen hat der Trend aber auch die Stadt erreicht und derart schadlose Graswurzelbewegungen sehe man im Grunde gerne. Material oder Werkzeug gibt es zwar keines, aber man lasse der Bewegung freie Hand auf zugewiesenen Flächen. Ein grüner Tisch im Herbst soll den guten Kontakt zudem weiter bewässern. Themen wie ortsnahe Nahrungsmittelproduktion, soziales Engagement oder Umweltschutz von unten verkaufen sich gut. „Das ist definitiv in unserem Sinn“, unterstreicht Leser. Für ein Projekt im Sinne der Berliner Prinzessinnengärten stünde aber keine Fläche zur Verfügung.

 

Urbane Flächen zurückzuerobern und wieder nutzbar, lebenswert zu machen, war aber das Vergissmeinnicht. Einige Gärtner haben bereits das „blaue Wäldchen“ neben der Fahrradbrücke ins Visier genommen, dort ein „Allgemeingut-Café“ an- und aufzubauen wäre ein kleiner Schritt back to the roots. Man darf gespannt sein, welcher Spaten bald wo sticht und welche nächste Nische im Frühjahr Blüten trägt.

 

Text & Fotos: Markus Wenning