Wenn Marcel Thimm und Uwe Barth, die Freiburger Vorstandsvorsitzenden von Sparkasse und Volksbank, in die chilli-Redaktion kommen, dann sitzt Chefredakteur Lars Bargmann mit acht Milliarden Euro Bilanzsumme am Tisch. Beim großen chilli-Bilanzgespräch geht es aber traditionell nicht so sehr um einzelne Zahlen (siehe Infoboxen), sondern um die wirtschaftliche Großwetterlage in den beiden Häusern. Wenn die so gut wie 2012 ist, freut sich übrigens auch Finanzbürgermeister Otto Neideck, weil die Banken dann zusammen knapp 10 Millionen Euro Gewerbesteuern in die Stadtkasse zahlen.

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chilli: Herr Barth, Herr Thimm, neben den erneut guten Bilanzzahlen gab es im vergangenen Jahr auch Ärgernisse, welche?
Thimm: Uns ärgert zum Beispiel, dass wir ständig aufpassen müssen, bei der Bankenregulierung nicht unter die Räder zu kommen. Da ist immer die Gefahr, dass völlig unterschiedliche Banken, etwa große Systembanken und kleine Sparkassen und Volksbanken, über einen Kamm geschert werden. Uns hat auch geärgert, wenn Banken, die massiv staatlich unterstützt wurden, dafür keine Zinsen bezahlen müssen und dann mit Dumpingpreisen auf dem Markt agieren. Das ist nicht mehr unter fairem Wettbewerb subsummierbar.
Barth: Der Liborskandal (große Banken hatten Libor- und Euribor-Zinsen manipuliert, die Schweizer UBS-Bank etwa ist zu einer Geldstrafe von 1,5 Milliarden Euro verdonnert worden, Anm. d. Red.) hat wieder ein „tolles“ Licht auf die Glaubwürdigkeit unserer Branche geworfen. Das ist sehr frustrierend. Ärgerlich ist auch die Diskussion um die Einlagensicherungsfonds der Sparkassen und Volksbanken. Allein die Idee, dass unsere in mehr als 100 Jahren aufgefüllten Sicherungsfonds in einen europäischen Sicherungstopf wandern sollen, dass man überhaupt daran dachte, diesen stabilen Hort für ganz Europa zu opfern, das war schon bitter.
Thimm: Wir kämpfen da Schulter an Schulter. Es gibt ja nach vielen Verhandlungen eine gemeinsam erarbeitete Richtlinie, die auch schon unterschrieben ist. Die sollte man nun auch verabschieden. Wir sind aber zuversichtlich, dass die Kernpflöcke unserer Geschäftsmodelle nicht auf dem europäischen Altar geopfert werden.

chilli: Wie bewerten Sie das eigene vergangene Geschäftsjahr?
Barth: Wir hatten unabhängig von der Finanzkrise ein gutes Jahr mit guter Ertragslage und gesundem Wachstum. Und wir spüren das Vertrauen der Kunden. Wir sind zufrieden.
Thimm: Auch wir hatten ein sehr gutes Jahr. Das ist der stabilen wirtschaftlichen Situation in der Region geschuldet und unserer Geschäftspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Kunden orientiert und nicht an überregionalen Geschäften.

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chilli: Was waren die Besonderheiten 2012?
Thimm: Das große Wachstum bei den Baufinanzierungen mit einem Plus von 47,7 Prozent auf 255 Millionen Euro. Und, dass trotz des niedrigen Zinsniveaus die Altersvorsorge deutlich angezogen hat. Die betriebliche Altersvorsorge war der größte Treiber, hier sind wir übrigens mit fast 70 Millionen Euro Neugeschäft die beste Sparkasse in Baden-Württemberg und stolz drauf. Besonders finde ich auch, dass wir jetzt zwei Jahre nacheinander fast keine Wertberichtigungen hatten. An so einen Fall kann ich mich in meiner langjährigen Vorstandstätigkeit nicht erinnern.

chilli: Das spricht für ein sehr geringes Ausfallrisiko bei den Krediten. Hat der Mittelstand gelernt?
Barth: Ja. Vor zehn Jahren hatten wir im Mittelstand Eigenkapitalquoten von unter zehn Prozent, heute liegen die bei 22. Das ist ein deutliches Zeichen für gute wirtschaftliche Entwicklung und verantwortungsvolles Management.

chilli: Die Zinskurve ist unverändert flach. Der Unterschied zwischen langfristigen und kurzfristigen Zinsen ist aber Ihr Hauptgeschäft. Wie wird sich das in den nächsten Jahren auswirken?
Thimm: Dauerhaft niedrige Zinsen werden niedrige Überschüsse bringen. Wir sind ziemlich sicher, dass wir in vier bis fünf Jahren rund 20 Prozent unseres Zinsüberschusses verlieren würden.

chilli: Das wären 23 Millionen Euro …
Barth: Wir haben in diesem Jahr noch einen leicht steigenden Zinsüberschuss von 51 Millionen Euro. Aber wie bei der Sparkasse kommen jetzt viele Zehnjahresgelder zurück, die noch eine vier oder fünf vor dem Komma hatten. Die neuen werden eine zwei oder drei haben.

chilli: Ist die – politisch gewollte – flache Zinskurve volkswirtschaftlich betrachtet beklagenswert?
Thimm: Ja. So niedrige Zinsen über einen längeren Zeitraum sind nicht gut. Nicht nur, weil unsere Sparer dann nicht mal mehr einen Inflationsausleich bekommen. In Japan gibt es seit zehn Jahren niedrige Zinsen, mit der Folge, dass die Einkommen zurückgehen und die Wirtschaft nicht wächst.

chilli: Wenn klar ist, dass die Zinsüberschüsse stark rückläufig sein werden, was kann man als Bankchef machen, um trotzdem mit geradem Rücken auf der Bilanz-Pressekonferenz aufzutauchen?
Thimm: Wir müssen andere Ertragsquellen finden und können sicher im Provisionsgeschäft noch zulegen. Außerdem müssen wir weiter auf unsere eigenen Kosten schauen. Und man muss sich auch einfach auf niedrigere Erträge einstellen, das ist ja kein Beinbruch. Da geht es uns wie dem normalen Anleger.
Barth: Wir werden trotz des Zinsrückgangs so gut aufgestellt sein, dass wir den Mittelstand mit Krediten versorgen können. Man muss auch nicht jedes Jahr das beste Geschäftsjahr verkünden. Die eigenen Kosten sind auch bei uns ein Thema, wir müssen weiter am Produktivitätsfortschritt arbeiten.
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chilli: Aus Ihren Bilanzen lässt sich ablesen, wie es dem Mittelstand geht.
Barth: Dem geht es gut, und deswegen haben wir auch ein gutes Wachstum im Unternehmenskreditgeschäft. Wir haben eine starke Kreditnachfrage im Wohnungsbau, aber auch im Handwerkerbereich.
Thimm: Auch bei uns liefen die Baufinanzierungen sehr gut …

chilli: … es wird doch kaum gebaut …
Thimm: In Freiburg nicht, im Umland schon. Der Siedlungsdruck geht immer stärker nach außen. Und außerdem machen die Renovierungen einen großen Teil aus.

chilli: Kann man an den Bilanzen auch ablesen, wie sich Otto-Normalverbraucher verhält?
Barth: Der will sein Geld sicher und kurzfristig anlegen, bei den aktuellen Zinsen ist das verstehbar. Wer aber höhere Renditen möchte, muss auf Wertpapiere und Fonds ausweichen.

chilli: Wie passt zusammen, dass zwar die Internetbanken zu marktjenseitigen Konditionen (etwa beim Tagesgeld) massiv Geld einsammeln, ihre Bilanzen aber trotzdem immer gut aussehen?
Barth: Das sind ja vielfach Direktbankableger von Banken unterwegs, die staatliche Hilfe bekommen. Es gibt etwa eine holländische Bank, die die Auflage hat, ihre Refinanzierungsbasis zu verändern. Die ist in Schieflage, weil sie sich nur mit Geld anderer Banken refinanziert. Die müssen massiv Kundengelder einwerben, um Auflagen zu erfüllen. Das ist ein komischer Wettbewerb. Das Einlagenwachstum hat dadurch nachgelassen. Wir hatten 2008 sechs Prozent Zuwachs, heute noch ein Prozent.
Thimm: Vielfach sind das Ableger von Banken aus südlichen Ländern. Das Geld der deutschen Kunden wird dann in diesen Ländern zu höheren Zinsen angelegt. Solche Geschäfte machen wir nicht. Gottseidank wollen unsere Kunden aber wissen, was mit dem Geld passiert. Das sind Nadelstiche, aber keine schmerzhafte Verletzung.

chilli: Herr Thimm, Herr Barth, vielen Dank für dieses Gespräch.

Info: Sparkasse Freiburg: Bilanz 2012 (2011)

Bilanzsumme: 5,425 Mrd. € (- 48 Mio. €)
Kundenvolumen: 9,02 Mrd. € (+ 206 Mio. €)
Kreditvolumen: 3,785 Mrd. € (+ 20 Mio. €)
Einlagen: 3,66 Mrd. € (- 14 Mio. €)
Rohertrag: 159 Mio. € (wie im Vorjahr)
Zinsergebnis: 117 Mio. € (+ 1 Mio. €)
Provisionen: 42 Mio. € (- 1 Mio. €)
Verwaltungskosten: 93 Mio. € (- 2 Mio. €)
Personalkosten: 60 Mio. € (wie Vorjahr)
Betriebsergebnis: 67 Mio. € (+ 3 Mio. €)
Jahresüberschuss: 9 Mio. € (wie Vorjahr)
Mitarbeiter & Azubis: 1265 (- 25) & 84 (- 5)
Geschäftstsstellen: 72 (- 1)

Info: Volksbank Freiburg Bilanz 2012 (2011)

Bilanzsumme: 2,44 Mrd. € (- 110 Mio. €)
Kundenvolumen: 4,52 Mrd. € (+ 182 Mio. €)
Kreditvolumen: 1,5 Mrd. € (+ 84 Mio. €)
Einlagen: 1,87 Mrd. € (+ 24 Mio. €)
Rohertrag: 71,6 Mio. € (- 0,1 Mio. € )
Zinsergebnis: 51,1 Mio. € (+ 2,1 Mio. €)
Provisionen: 21,5 Mio. € (+ 0,3 Mio. €)
Verwaltungskosten: 48,6 Mio. € (+ 1,9 Mio. €)
Personalkosten: 30,2 Mio. €(+ 0,9 Mio. €)
Betriebsergebnis: 24 Mio. € (- 0,8 Mio. €)
Jahresüberschuss: 4 Mio. € (+ 0,06 Mio. €)
Mitarbeiter & Azubis: 498 (- 3) & 38 (+ 9)
Geschäftstsstellen: 48 (- 1)

Fotos: Tanja Bruckert; clipdealer.de, ryasick Fotolia