Nein, die anderen Wunderkinder beneidet sie wirklich nicht. „Krasser Ehrgeiz bei den Eltern ist falsch, ich bekomme das manchmal bei anderen mit“, sagt Milena Wilke und schüttelt den Kopf. Im Januar ist sie 17 geworden, vor Kurzem hat sie das Abitur am Freiburger Berthold-Gymnasium gemacht, und seit 15 Jahren spielt sie Geige. Am 7. Juli bekommt sie auf der Galanacht im Zirkuszelt den diesjährigen ZMF-Preis verliehen. Es ist nicht die erste Auszeichnung ihrer Karriere als Musikerin und wird wohl auch nicht die letzte sein.

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„Ich habe wohl alles im Mutterleib mitbekommen und aufgesogen. Und als kleines Kind will man wohl immer die Eltern nachmachen“, sagt sie. Jelena und Rainer Wilke sind Berufsmusiker und spielen Violine im Ensemble des Philharmonischen Orchesters in Freiburg – und damit auch gemeinsam mit ihrer Tochter auf der ZMF-Gala. Der Vater baut sogar die Instrumente selber. „Da es nur noch wenige Stradivaris gibt, kann ich froh sein, dass ich mit meiner Geige sehr zufrieden bin“, sagt Milena und schmunzelt. Vor allem aber sind die Wilkes keine Fanatiker. „Selbst in bockigen Phasen meinte meine Mutter immer, dass ich nicht Geige spielen müsse, dass sie mich auch ohne Geige lieben würde. Unter Druck gesetzt habe ich mich nie gefühlt“, erzählt Milena, die für ihr Alter erstaunlich reif und geerdet wirkt.

Den Begriff Wunderkind mag sie nicht so sehr, denn er bedeute, dass man ohne viel Aufwand Erstaunliches leisten könne. Sie hingegen übt regelmäßig, sie muss. Aber sie übertreibt nicht. Als Zehnjährige war sie im Schnitt eine Stunde täglich im Musikzimmer, heute sind es zwei Stunden – wenn sie sich nicht gerade auf einen Wettbewerb vorbereitet.

Seit rund drei Jahren steht Milenas Wunsch fest: Sie will später einmal ihr Geld mit der Geige verdienen, einen Plan B müsste sie ganz weit hinten aus der Schublade hervorkramen. Das Talent haben ihr viele bescheinigt: ihre Professoren an der Musikhochschule, die Juroren beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“, bei dem sie 2010 den ersten Preis in der Kategorie Violine geholt hat, oder auch die Juroren des Wettbewerbs „Young Virtuosos“ in Sofia, aus dem die junge Freiburgerin unlängst als Preisträgerin hervorging. Wie viel muss man dafür investieren? „Ich bin nicht übermäßig ehrgeizig. Das Wichtigste ist die Regelmäßigkeit beim Üben“, sagt sie.

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War es eine normale Kindheit mit aufgeschürften Knien und Abenteuern im Wald von Littenweiler? „Ja, auch wenn ich ab und an kleine Opfer bringen musste und mal einen Kindergeburtstag verpasst habe“, erzählt Milena. „Erfahrungen außerhalb des Musikzimmers sind enorm wichtig für die Musik.“ Das Wunderkind ist ein ganz normaler Teenager geworden, sie geht abends ins sogenannte Bermuda-Dreieck, geht Tanzen („ein schöner, aber anstrengender Sport“), passt beim Volleyball im Strandbad auf ihre kostbaren Finger auf und hört im Alltag die Musik, die auch andere Teenager hören. „Bei Jazz kann ich mich entspannen, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Bei Heavy Metal allerdings hört es auf“, sagt sie und lacht. Ihr Freund Simon spielt Schlagzeug in der preisgekrönten Indie-Nachwuchsband Brothers of Santa Claus, die zwei Tage vor der Gala ebenfalls einen Gig auf dem ZMF hat.

Auf dem Schulhof war sie zuerst immer nur die Milena, dann erst die Geigerin, die Liebhaberin von klassischer Musik. Sie mag die Stücke des Virtuosen Paganini, die Konzerte des Romantikers Johannes Brahms und vor allem den Russen Tschaikowski. Seit September 2012 ist sie bei einem anderen Russen: dem berühmten Geiger und Violinlehrer Za-khar Bron, der unter anderem an der Züricher Hochschule der Künste unterrichtet. „Von dem phänomenalen Zakhar Bron unterrichtet zu werden, ist wie ein Hauptgewinn im Lotto“, sagt der südafrikanische Geiger-Star Daniel Hope. Milena will bis 25 dort studieren, dabei an vielen Wettbewerben teilnehmen und sich danach beruflich orientieren – als Mitglied in einem Ensemble oder als reisende Solistin. Doch die 17-Jährige weiß schon jetzt, was sie mit Mitte 30 dann nicht mehr will: Herumreisen von Bühne zu Bühne, ohne festes Zuhause. Was sie dann will? „Irgendwann ankommen, das wäre der Traum. Und als Geigenprofessorin arbeiten.“

Text: Dominik Bloedner / Fotos: Klaus Polkowski, Conny Ehm