Zwei Freiburger Studentinnen bieten feministische Workshops an. Dabei geht’s theoretisch und praktisch um weibliche Sexualität. Vor allem um Ejakulation. chilli-Autorin Gundula Haage hat den Selbstversuch gewagt, um dem vermeintlichen Mythos auf den Grund zu gehen.

 

Engagiert: Stella Rutkat kämpft für die Gleichstellung der Frau – auch körperlich.

 

„Schaut mal, hier ist die Harnröhre!”, sagt Stella Rutkat. Wir folgen interessiert mit den Blicken ihrem ausgestreckten Finger. Er führt uns, im Halbkreis vor einem großen Wandspiegel sitzend, zu besagter Stelle zwischen den weit gespreizten Beinen einer Kursteilnehmerin. Kurz darauf bin ich an der Reihe. Um mich herum, auf Decken, Fellen, Kissen, liegen und sitzen zehn andere Frauen. Wir alle sind an diesem Sonntag vereint in dem Bestreben, unsere Körper besser kennenzulernen – und die politischen Implikationen eines solchen Tuns zu diskutieren.

 

Ejakulieren, tun das nicht nur Männer? So mein erster Gedanke, als ich die Ausschreibung für den eintägigen Workshop sehe. Doch die Neugierde, mehr zu erfahren, führt mich nicht nur vor besagten Spiegel, sondern auch zu einem spannenden Gespräch mit Stella Rutkat, einer der beiden Workshop-Initiatorinnen.

 

Rutkat ist 25, studiert Gender Studies in Freiburg und ist seit einiger Zeit auch Ejakulationstrainerin. „Weibliche Ejakulation ist für mich eines der besten Beispiele, an dem wir aufzeigen können, wie sehr sich politische und gesellschaftliche Machtverhältnisse direkt auswirken auf die Gesellschaftsmitglieder”, erklärt Rutkat.

 

Sie will mit dieser Art des politischen Aktivismus zu einer informierteren und damit schambefreiteren Gesellschaft beitragen. Denn nach wie vor ist es kaum bekannt, dass jede Frau anatomisch in der Lage ist, zu ejakulieren. Obwohl Beobachtungen dazu bereits von Hippokrates um 400 vor Christus festgehalten wurden, behandelt kein deutschsprachiges Biologieschulbuch das Thema. So ist es kein Wunder, dass Ejakulation häufig als Mythos abgetan, mit Urinieren verwechselt oder lediglich dem Porno-Jargon zugeschrieben wird.

 

Rutkat findet die Lücke innerhalb der wissenschaftlichen Forschung bezeichnend für die Art und Weise, wie Wissenschaft häufig betrieben wird: Beruhend auf dem männlichen Körper als Norm, werden Themen weiblicher Sexualität seit Langem vernachlässigt und haben Schwierigkeiten, Forschungsgelder an Land zu ziehen.

 

Erst 2007 wurde dieser Bestandteil der weiblichen Sexualanatomie im „Journal of Sexual Medicine” ausführlich beschrieben: Demnach wird das weibliche Ejakulat in den Drüsen der weiblichen Prostata produziert, einem Schwellgewebe rund um die Harnröhre, das auch als G-Fläche (oder fälschlich: G-Punkt) bezeichnet wird. Bei Stimulation schwillt das Gewebe an und kann ein Gefühl erzeugen, als ob man (eher: frau) urinieren müsste.

 

Das Ejakulat ist kein Urin, sondern biochemisch dem männlichen Pendant sehr ähnlich – lediglich ohne die Spermien. Kommt es zur Ejakulation, wird die Flüssigkeit durch kleine Öffnungen seitlich des Harnröhrenausgangs ausgeschieden, in je nach Frau unterschiedlicher Menge und Stärke. Das kann mit einem Orgasmus einhergehen – muss es aber nicht. Rutkat vermutet, dass die gefühlte Nähe zur Harnröhre dazu beiträgt, dass Ejakulieren bis heute von vielen Frauen als etwas Schamvolles wahrgenommen wird.

 

Explizit gegen diese Scham und Misinformation wendet sich das Angebot ihrer Workshops: Wir nähern uns dem Thema nicht nur vor dem Spiegel an, sondern auch theoretisch. Mit detaillierten anatomischen Abbildungen und einem historischen Abriss über den Hintergrund der Verdrängung weiblicher Sexualität aus der gesellschaftlichen Sichtbarkeit. Ich persönlich kehre deutlich informierter aus dem Workshop zurück, erfüllt von der Freude darüber, so einiges über meine körperlichen Möglichkeiten gelernt zu haben.

 

Mehr Infos:
Laura Méritt: Frauenkörper neu gesehen, Orlanda 2012.
Diana J. Torres: Coño Potens, Txalaparta 2015.
www.weiblichequelle.de

 

Text: Gundula Haage / Foto: © privat