Für Sandra Gintaut-Lutz kam irgendwann alles zusammen: eine große Baustelle vor ihrem Geschäft, wegbleibende Kunden, Umsatzrückgänge von bis zu 50 Prozent und das Gefühl, dass all das von der Freiburger Politik ignoriert wird. Gintaut-Lutz betreibt die Boutique Jump im Bursengang; seit einem Monat ist sie Co-Vorsitzende der neuen Initiative „Wir“, der sich bereits mehr als 80 inhabergeführte Geschäfte in Freiburg angeschlossen haben. Ihr Ziel: den Händlern der Innenstadt endlich eine stärkere Stimme verschaffen.

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Auf den ersten Blick verwundert das. Gibt es doch mit „z’Friburg in der Stadt“ bereits einen 90 Mitglieder starken Verband, der für genau diese Ziele eintritt. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz“, beteuert Gintaut-Lutz. Viele Mitglieder engagierten sich sogar in beiden Initiativen. Der einzige Unterschied: „Wir“ möchte die Sache emotionaler angehen. Das konnte man schon beim Auftakt am 9. Oktober beobachten, als eine ganzseitige Anzeige in der Badischen Zeitung erschien. „Wir fühlen uns ungehört und alleine gelassen“ – so der Tenor. Das gesteht auch Stefan Huber, Vorsitzender von „z’Friburg in der Stadt“, den neuen Kollegen zu: „Wo ist Konkurrenz, wenn man das Gleiche will?“, fragt Huber. „Ich finde die neue Initiative gut.“

Besonders der Ruf nach einem verkaufsoffenen Sonntag treibt viele Händler um – auch das freilich nichts Neues. „Die Kirche sorgt sich um die armen Mitarbeiter“, klagt Huber. Dabei würden an solchen Tagen nur gut bezahlte Freiwillige arbeiten, „die sich darum reißen.“ Das sieht die große Mehrheit des Freiburger Gemeinderates jedoch anders. Eine Umfrage des business im Breisgau bei allen Fraktionen ergibt, dass lediglich die Freien Wähler (3 Sitze) einem verkaufsoffenen Sonntag etwas abgewinnen können – und das auch nur, wenn die vorhandenen Möglichkeiten „behutsam“ genutzt werden, wie der Fraktionsvorsitzende Johannes Gröger betont. Die FDP-Fraktion (2 Sitze) hatte sich in der Vergangenheit ebenfalls für einen verkaufsoffenen Sonntag eingesetzt.

Alle anderen Parteien sprechen sich klar dagegen aus. „Die vielen im Einzelhandel tätigen, und übrigens sehr schlecht bezahlten, überwiegend Frauen haben ein Recht auf einen freien Sonntag“, sagt Irene Vogel von den Unabhängigen Listen (7 Sitze). SPD, Grüne und CDU argumentieren ähnlich – und auch die neue Fraktion Freiburg Lebenswert/Für Freiburg (4). „Den Menschen steht wegen eines verkaufsoffenen Sonntags nicht mehr Geld zur Verfügung, als sie sowieso schon haben“, meint FL-Fraktionsgeschäftsführer Wolfgang Deppert. Ohnehin müsste man eher beim Online-Shopping-Verhalten ansetzen.

Bernd Dallmann bezeichnet den Ruf nach mehr Parkplätzen als »Argument von gestern«.

 

Also alles gut so, wie es ist? „Wir würden einen verkaufsoffenen Sonntag sofort unterstützen“, meint Bernd Dallmann, Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM). Der Gemeinderat habe aber anders entschieden. Dass „Wir“ auf drängende Probleme hinweist, sei offensichtlich. „Wenn sich so viele engagierte Geschäftsleute zusammentun, muss man ihre Forderungen ernst nehmen.“ Wird es konkret, schlägt sich Dallmann aber auf die Seite des Gemeinderats: „Die Stadt steckt unglaublich viel Geld in eine intakte Infrastruktur. Die Fußgängerzone ist per Nahverkehr optimal erschlossen.“ Und der Ruf nach zusätzlichen Parkplätzen? „Argumente von gestern“, kontert Dallmann. Das Auto sei nun mal nicht das Fortbewegungsmittel der Innenstadt.

Tatsächlich ist es fraglich, ob die Mehrheit der Bürger wirklich so unzufrieden mit der Parksituation ist, wie es der Handel darstellt – nicht nur in der Öko-Hochburg Freiburg. So brachte eine Bürgerumfrage in Bad Krozingen unlängst interessante Ergebnisse zutage. 60 Prozent der Teilnehmer wünschen sich demnach eine größere Fußgängerzone; nur 23 Prozent votierten dagegen. Die große Mehrheit der Befragten beurteilten die Parksituation zudem als positiv – die Gewerbetreibenden hatten stets das Gegenteil behauptet.

Um der Online-Konkurrenz entgegenzuwirken, hat der Einzelhandel in Bad Krozingen eine gemeinsame Kundenkarte eingeführt, mit der Rabattpunkte gesammelt werden können. „Die Geschäfte haben es selbst in der Hand, wie sich ihre Umsätze entwickeln“, sagt Peter Lob, Vorsitzender des dortigen Gewerbeverbands. „Viele predigen Qualität, aber zwischen Sein und Schein besteht oft eine große Differenz.“ Dass ein Vertreter des Handels mit seiner eigenen Zunft so hart ins Gericht geht, ist ungewöhnlich, verdeutlicht aber ein Grundproblem: Viele Geschäftsleute sind sich uneins, ob ein zusätzlicher Shopping-Sonntag oder ein neues Parkhaus wirklich genügen, um langfristige Kundenabwanderung zu stoppen.

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„Es gibt auch in Freiburg keine einheitliche Meinung unter den Händlern“, bestätigt Michael Walter von der Löwen-Apotheke. Walters Umsätze sind in den vergangenen vier Monaten um bis zu 20 Prozent eingebrochen, weil vor seinem Geschäft, am Freiburger Bertoldsbrunnen, eine Großbaustelle die Kunden verschreckte. Mitten in der City waren die Gleise der Straßenbahn erneuert worden, eine Trennwand hatte die Einkaufsmeile durchschnitten. Schimpfen möchte Walter auf die Verantwortlichen deshalb aber nicht. Im Gegenteil: „Solche Arbeiten müssen nun mal sein, deshalb sollte man das Beste daraus machen. Gejammer hilft niemals weiter.“

Der Handelsverband Südbaden sieht das anders. „Die neue Initiative zeigt doch, wie schlimm die Lage wirklich ist“, sagt Präsident Philipp Frese. Er spricht von einem „Hilferuf des Handels“, nennt verkaufsoffene Sonntage und gute Parkmöglichkeiten als Chance, sich vom Internet abzusetzen. „Die Straßenbahn fährt nun mal nicht in den Schwarzwald. Doch auch von dort kommen viele Kunden, die bei uns etwas kaufen möchten.“ Frese begrüßt, dass mit „Wir“ nun ein weiterer Zusammenschluss für die Interessen des Einzelhandels wirbt. „Nur so kann man die Stadtverwaltung sensibilisieren. Es ist einfach nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.“

Heiß her geht es auch in Bad Krozingen, wenngleich aus anderen Gründen. Seit Monaten tobt ein erbitterter Streit um ein geplantes Luxus-Hotel im Kurpark. Eine Bürgerinitiative läuft dagegen Sturm; die CDU brachte kürzlich einen möglichen Bürgerentscheid ins Spiel. Peter Lob vom Gewerbeverband ist für das neue Gebäude: „Bad Krozingen braucht das Hotel. Nur so können wir uns langfristig die Kurgäste aus der Schweiz und aus Frankreich sichern.“

Jump-Inhaberin Sandra Gintaut-Lutz fühlt sich von der Politik im Stich gelassen.

 

Ganz anders die Situation in Emmendingen. Ein leer stehendes Kaufhaus in der Innenstadt, ein bisschen Gezänk um neue Supermärkte auf der grünen Wiese – ansonsten geht es dem Handel gut. „Das passt“, fasst Marcel Jundt, Vorsitzender der Initiative Einzelhandel, die Stimmung zusammen. In der Initiative organisieren sich knapp 100 Gewerbetreibende. Die meisten von ihnen sind zufrieden, berichtet Jundt. „Die Region wächst, der Konsumbedarf ist da, die Parkgebühren sind in Ordnung. Auch die Stadt ist sehr interessiert daran, dass es uns gut geht.“

In Freiburg ist die Stadtverwaltung nun ebenfalls daran interessiert, die Wogen zu glätten. Nach einem Telefonat mit Sandra Gintaut-Lutz kündigte Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) an, sich im Januar an den runden Tisch von „Wir“ zu setzen. Ob dieser zu Ergebnissen führt, ist offen. Sicher ist jedoch, dass „Wir“ zumindest ein Ziel schon heute erreicht hat: Der Einzelhandel ist wieder im Gespräch.

Text: Steve Przybilla / Fotos: privat, ns