Die sieht aus wie eine Hundertjährige. Gertraude Ils ist eine der wenigen Freiburgerinnen, bei denen dieser Satz als Kompliment durchgeht. Die älteste Einwohnerin hat gerade ihren 106. Geburtstag gefeiert – mit ihren Lieben in einem Café in der Altstadt. Denn, was kaum zu fassen ist: Die Altstadträtin ist sowohl körperlich als auch geistig so fit, wie man es in diesem Alter wohl nur sein kann.

 

Nach der Krankengymnastik sitzt sie in ihrer Wohnung in der Gerberau bei einem Stück Kuchen und erzählt. Langsam, konzentriert, mit vielen Pausen. Nach eineinhalb Stunden sind nicht viel mehr als zwanzig Sätze zusammengekommen. An einiges kann sie sich nicht mehr erinnern, „dann überlege ich, wie kann ich das ändern“. Anderes scheint ihr zwar noch im Gedächtnis zu sein, aber es kostet viel Mühe, es zu artikulieren – wie ihre Erinnerungen an die beiden Weltkriege: „Das Heulen der Sirenen, kurz bevor die Flieger da waren, daran kann ich mich erinnern.“

Zu Besuch bei der ältesten Freiburgerin Gertraude Ils

 

Doch Ils ist niemand, der in der Vergangenheit lebt: Auf dem Tisch liegt eine aufgeschlagene Tageszeitung, neben ihr steht ein Fernseher, auf dem sie am liebsten die Tagesschau sieht, wie sie verrät: „Ich versuche das politische Leben mitzubekommen. Vieles, was heute im Gang ist, wurde früher schon angelegt.“ Vieles hat sie selbst in Gang gesetzt: das Kinder- und Jugendtheater im Marienbad, das Kommunale Kino, das Archiv für Soziale Bewegungen.

 

Ob sie noch unerfüllte Wünsche hat? „Ich bin persönlich zufrieden“, sagt sie und schiebt hinterher, „das heißt nicht, dass ich mit der allgemeinen politischen Entwicklung zufrieden bin.“ Was sie damit meint, behält sie für sich. Vielleicht lüftet sie ja dieses Geheimnis an ihrem 107. Geburtstag.

 

Text: tbr/bar & Foto: tbr