In Europa gehen die Bestände der Aasgeier seit Jahren zurück. Im deutschen Journalismus dagegen werden sie umso häufiger gesichtet. Wer die Berichterstattung nach dem Germanwings-Absturz verfolgt hat, musste aus den Schuhen kippen.

 

So konsequent wurde die Grenze zwischen Boulevard und Qualitätspresse noch selten aufgehoben: Wer nur war dieser Co-Pilot Andreas L.? „Spiegel Online“ befragte angebliche Freunde, „Stern.de“ krallte sich Nachbarn, „Focus Online“ Bekannte, die „Passauer Neue Presse“ Weggefährten, die Mutter einer ehemaligen Klassenkameradin durfte in der „FAZ“ zu Wort kommen, ja, in der FAZ, der Besitzer der Pizzeria in der Nähe seiner Zweitwohnung bei „Bild“.

 

Hobbys, Facebookseite, Krankenakte, alles wurde in seine Einzelteile zerlegt und für eine idiotische klickträchtige Schlagzeile notdürftig wieder zusammengestöpselt. Die Berichte lieferten stündlich mehr Katastrophenpornografie.

 

Am Ende blieb der Satz: „Er war ein ruhiger, unauffälliger, freundlicher Kerl.“ Überraschung! Damit ermittelten die Charakterstudien das Gleiche wie für die Attentäter von Winnenden, Erfurt und des 11. September. Von Adorno stammt ein traurig-wahrer Satz: „Keine Forschung reicht bis heute in die Hölle hinab, in der die Deformationen geprägt werden, die später als Aufgeschlossenheit und Umgänglichkeit und als unvergrübelt praktischer Sinn zutage kommen.“

 

Aber das halten wir nicht aus. Wir wollen alles wissen: Bei „Bunte“ konnte man den Absturz liken, bei „EMMA“ forderte eine Autorin eine Frauenquote fürs Cockpit, denn Amoktrips sind Männersache. Damit war bewiesen: Schlechter Journalismus ist keine Männerdomäne mehr.

 

Die Frage ist doch: Müssen wir die Sicherheitsmaßnahmen im Journalismus erhöhen? Darf ein Amok-Kolumnist wie Franz Josef Wagner alleine am Schreibtisch sitzen? Muss man Tests durchführen, auch was die psychischen Belastungen nach der Journalisten-Ausbildung angeht? Schlechte Bezahlung, miese Chefs, endloser Termindruck, Medikamentenmissbrauch, Klickzahlen-Stress.

Florian Schroeder

 

Wenn Journalisten Kindern Geld bieten, damit sie die schulinterne Trauerfeier in Haltern am See filmen: Warum entzieht der Deutsche Presserat diesen Leuten nicht sofort die Schreiblizenz?

 

Der Psychologe Kevin Dutton konnte nachweisen, dass Journalisten auf Platz 3 unter den Psychopathen rangieren. Nach den echten Psychopathen und den Anwälten. In diesen Tagen war zu sehen, wie verheerend es ist, wenn reihenweise journalistisch Untaugliche zu Wort kommen.

 

 

 

Florian Schroeder, Kabarettist, studierte in Freiburg, lebt in Berlin und vergibt die chilli-Schote am goldenen Band.