Erdowahn, der kranke Mann am Bosporus, ist beleidigt. Weil Mutti sein brutales Vorgehen gegen die Demonstranten kritisiert hat, blafft er sinngemäß zurück: Solange türkischstämmige U-Bahnschläger in Deutschland hinter vergittertem Panzerglas und in Handschellen ihrem Prozess entgegensehen müssen, dagegen die NSU-Frau Zschäpe sich frei wie ein Model im Gerichtssaal präsentieren dürfe, würde das ja ein typisches Bild auf Deutschland werfen. Hallo? Frau Zschäpe als Model? Also ich weiß nicht. Aber der Erdowahn kann vielleicht auch nicht wissen, wie ein Model aussieht. Der schaut ja nur verschleierte Frauen an.

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Das Modell, nicht das Model, das Modell eines gemäßigten liberalen islamisch geführten Staates beginnt zu bröckeln. Erdowahn wollte einen modernen türkischen Staat aufbauen. Aber modern und modern ist bei ihm nur schwer zu unterscheiden. Hinter der Maske des Biedermanns Erdowahn kommt die Fratze des religiösen Dogmatikers hervor. Wer von Demonstranten als „Gesindel“, „Plünderern“ und „Terroristen“ spricht, hat seine Maske fallen lassen. Sein liberales Image war getürkt.

Wird nun Ägypten sein neues Vorbild mit dem dortigen Pharao Mursolini? Fangen Männer an zu museln, beginnt bei mir das pure Gruseln.

Das laizistische Staatsmodell Atatürks war Jahrzehnte ein wichtiges Prinzip in der Türkei: die Trennung von Staat und Kirche. Auch ein Militärkopf kann mal was Sinnvolles durchsetzen. Und das hat er getan. Bei allen religiösen Führern, die ihren Glauben als politisches Grundgesetz einführen wollen, egal ob Scharia oder Maria, heißt es Obacht, und wir sollten überall auf die Straße, ob in Kairo, Istanbul oder auch in Rom, bis auch der Vatikan endlich eine weltliche Regierung bekommt.

Mir ist das ja manchmal schon bei uns zuviel. Nachdem wir mit Gauck einen evangelischen Pfarrer als Staatsoberhaupt haben, eine evangelische Pfaffentochter als Kanzlerin, habe ich Angst davor, dass womöglich Frau Käsmann demnächst Sprecherin der Bundesregierung werden könnte und sie dann noch salbungsvoller daherseibert. Und wenn dann noch der Ex-Bischof Huber von Jogi die Nationalmannschaft übernehmen sollte, steht zu befürchten, dass auch wir auf dem Weg in einen evangelischen Gottesstaat sein könnten.

Trennung von Staat und Kirche ist das Mindeste. Jeden anderen Wahn gilt es zu stoppen. Auch den Erdowahn.

Herzlichst Volkmar Staub

Volkmar Staub, Kabarettist, geboren in Lörrach, lebendig in Berlin, vergibt die chilli-Schote am Bande.

Foto: privat