Mein Einstieg ins Sexleben

Am 14. Oktober startet in der Freiburger Rothaus-Arena die nach eigenen Aussagen „beste Band der Welt“ ihre neue Tour mit dem emotional völlig überladenen Titel „Das Comeback“. Aber so waren die Herren Bela, Farin und Rod ja schon immer, Selbstüberschätzung bis an die Grenze der Ironie gehört bei den Berliner Fun-Punkern dazu. Und, mal unter uns: Einen Grund leiser zu drehen, haben die drei Herren, die inzwischen stramm auf die 50 zugehen, tatsächlich nicht. Ihre letzte Tournee vor dem „Comeback“, die noch bis Ende August andauert, ist restlos ausverkauft, ihr neues Album „auch“ landete natürlich auch auf Platz Eins der Charts und befindet sich ein Vierteljahr nach Erscheinen immer noch in den Top Ten. chilli-Redakteur Felix Holm verfolgt die Karriere der Band seit ihrem ersten echten Comeback vor nunmehr 19 Jahren. In diesem Brief an die Ärzte erinnert er sich.


Lieber Bela, lieber Farin, lieber Rod!

Danke. Danke dafür, dass ihr mich in einer schwierigen Zeit unter eure Fittiche genommen habt. Ich war fast 13, meine Eltern hatten sich getrennt (klingt schlimmer, als es war), und ich hatte keinen Erfolg bei den Frauen (war schlimmer, als es klingt).

Doch dann kam „Die Bestie in Menschengestalt“. Dieses Album gab meinem Leben endlich einen Sinn. Oder besser: Es hat mich auf den Weg zu dem Menschen gebracht, der ich heute bin.

Zunächst einmal schaffte ich mit der Hinwendung zum Deutschpunk den Absprung von „Ace of Base“ und „East 17“. Man könnte von einer musikalischen Mannwerdung sprechen. Mit dem Bekenntnis zu eurer Musik wurde ich zeitgleich politisch („Schrei nach Liebe“), begann, über die Liebe nachzudenken („Für uns“) und hörte auf, Musik unkritisch als Nebenbei-Gedudel zu betrachten („Deutschrockgirl“). Nur in meine Großmutter habe ich mich zum Glück nicht übers Platonische hinaus verliebt („Omaboy“).

Ich kannte die komplette Scheibe auswendig und habe sie mit einem Kumpel heimlich unter der Schulbank durchgesungen. Das machte mich gefühlt zu einem um mindestens zehn Stufen cooleren Teenager – und brachte mir sogar den einen oder anderen Blick der Mädchen aus der Klasse ein. Noch heute fallen mir in passenden – und unpassenden – Situationen immer wieder Zeilen von der Scheibe als Worte aus dem Mund: „Fafafa-fafafafafa-fapiss dich!“


Und dann war da noch die Rückseite des Covers. Ein nackter Frauenkörper. Na gut, er war mit lila Kunstlicht angestrahlt und der Schambereich war mit etwas verdeckt (Sind das etwa Insekten???) – nichtsdestotrotz war das wohl mein Einstieg ins Sexleben.

Während ihr jung geblieben seid, bin ich älter geworden. Eure Lieder habe ich immer wieder gehört – und auch dadurch meine Liebe zur Sprache entdeckt. Heute bin ich ein Schreiber. Das Cover habe ich immer wieder angeschaut – es hat meine Lust gesteigert. Heute bin ich Vater eines Sohnes. Mein Bruder, der zur Zeit der „Bestie“ noch keine drei Jahre alt war, hat sich inzwischen ebenfalls von euren Qualitäten überzeugen lassen. Heute besuchen wir gemeinsam eure Konzerte. Ich freue mich auf euer Comeback und finde es schön, dass ihr es mir zu Ehren in Freiburg veranstaltet.

Der beste Journalist der Welt

Fotos: Nela König, Paul Kalkbrenner