Petitionismus

Endlich wissen wir: Auch in Deutschland haben wir einen Janukowitsch. Er kommt aus Italien, ist Moderator im öffentlich–rechtlichen Fernsehen und sagt gerne Sätze wie: „Da möchte ich noch mal einhaken!“ Oder auch einfach mal unvermittelt: „Was verdient man da?“ – „Ja oder Nein?“ Der deutsche Janukowitsch heißt Lanz und der deutsche Vitali Klitschko heißt Maren Müller, kommt aus Leipzig und möchte diesen „Ja–Nein“-Antworten-Abfrager mit sofortiger Wirkung aus dem Fernsehen verbannen. Weil er sich erdreistet hat, Frau Wagenknecht unverschämt anzugehen. Deshalb fordert die penetrante Petetentin in einer Online-Petition: Ausländer raus aus meinem Land, nein, Italiener raus aus meinem Fernsehen, nein, falsch, Markus Lanz raus aus meiner Rundfunkgebühr.

 

Und das ist eine gefährliche Forderung in dem Jahr, in dem Reinhold Beckmann seine Talkshow im Ersten verliert und Johannes B. Kerner mit mehreren Shows zum ZDF zurückgekehrt ist. Jetzt Lanz rausschmeißen zu wollen, ist ein bisschen so, wie Janukovitsch stürzen und Assad kriegen.

 

Ich finde, jeder, der diese bekloppte Petition unterschreibt, sollte mit einem Besuch von drei Michael Wendler-Konzerten hintereinander bestraft werden.

Florian Schroeder

 

Maren Müller aus Leipzig erfüllt alle Klischees der Niederträchtigkeit: Sie hat früher Leserbriefe geschrieben und sagt, sie kann nicht schlafen, wenn sie Lanz gesehen hat. Deshalb hat sie in einem Dauerzustand geistiger Umnachtung diese Petition in die Tasten gehackt – und mehrere hunderttausend Unterstützer gefunden, die der liebe Gott von der Schwarmintelligenz leider ausgeschlossen hat.

 

Aber man muss das auch verstehen: Was soll der Wutbürger auch den ganzen Tag machen, jetzt, da der Stuttgarter Bahnhof doch endgültig unter die Erde gelegt wird und alle Rauchverbote durchgesetzt sind? Da kann einem schon mal langweilig werden. Wenn der deutsche Janukovitsch ein Tiroler Fernsehmoderator ist, der einfach nur spielen will, dann muss der Hass des Wutbürgers Ausdruck finden im erbärmlichen Kieselsteinchen-an-die-Petitions-Klagemauer-Werfen.

 

Bei der aktuellen Umfrage zu Lanz haben sich bei Openpetition nur ein Bruchteil aller Unterzeichner wirklich authentifiziert. Die meisten protestieren anonym – im besten Fall wenigstens mit coolem Pseudonym. Rosa Luxemburg aus Entenhausen zum Beispiel. Das heißt: Niemand weiß also, wie viele Leute wirklich einmal, zweimal oder dreimal mitgemacht haben. Wahrscheinlich hat die Auszählung der Stimmen direkt der ADAC übernommen.

 

Florian Schroeder, Kabarettist, studierte in Freiburg, lebt in Berlin und vergibt die chilli-Schote des Monats.

 

Foto: Privat