Das Arschgeweih des Internets

Liebe E-Mail,

was hast Du mit dem Menschen gemeinsam? Allein bist Du ganz nett, aber im Rudel wirst Du schnell unerträglich. In diesem Sinne schreibe ich Dir heute und sage: Herzlichen Glückwunsch zum 30. Geburtstag in Deutschland, liebe E-Mail!

 

Unsere Eltern haben Dich noch fahrig ausgedruckt und abgeheftet, aber meine Generation leitet Dich lässig weiter, bis Deine Betreffzeile platzt. Ich weiß, Du hattest schon vor einigen Tagen Geburtstag, aber ich gratuliere absichtlich erst heute. Diese Stunden sind die Zeit, die man den Geheimdiensten geben muss, um Deine Inhalte in aller Ruhe mitzulesen. Es sind ja immerhin täglich hunderte Milliarden von Dir, die alleine in Deutschland verschickt werden. Da muss man sich schon mal hinten anstellen und ein bisschen Geduld mitbringen. Und da Du ja sowieso kein digitaler Brief, sondern eher eine Postkarte bist, offen und ohne Geheimnis, dachte ich, ich gratuliere Dir einfach auf diesem Weg, im Magazin. Dann kriegen es gleich alle mit, bevor sich am Ende wieder einer übergangen fühlt.

 

Ich muss gestehen, ich war überrascht, als ich hörte, dass Du schon 30 bist. Ich hätte Dich jünger geschätzt, das liegt aber vielleicht auch an all den Penisverlängerungen, Viagra-Abos und Brust-Vervielfältigungen, die Du mir ständig empfiehlst, obwohl wir uns so gut nun auch wieder nicht kennen. Manchmal habe ich das Gefühl, Du willst nur meinen Körper.

 

Du siehst gut aus, wirklich. Ich glaube trotzdem, Deine goldenen Jahre habe ich verpasst. Das war, als es Dich schon gab, aber keine Emoticons. Sie sind das Arschgeweih des Internets. Dieses dümmliche Gegrinse, Geschäme und Augengezwinkere, wo es keinen Grund gibt. Das ist so albern, wie wenn ich hier jeden Witz belachen würde. Haha. Genau, da war nämlich gar kein Witz. Wo keine Emotion ist, brauche ich auch kein Emoticon. Ende aus.

Florian Schroeder
Was ich am wenigsten an Dir mochte, liebe E-Mail, war diese kontrollettimäßige Paranoia, genannt Lesebestätigung. Eine Postkarte kommt doch auch nicht per Einschreiben. Heute sehe ich das nicht mehr so streng, denn heute kenne ich WhatsApp, wo man ständig gefragt wird, warum man so selten online oder doch online und wenn online, warum man nicht geantwortet habe. Ist das noch Transparenz oder schon Spionage? Mit Verlaub, liebe E-mail, aber wenn Du die Pest bist, dann ist Whats App die Ebola.

 

In diesem Sinne, liebe E-Mail: Auf weitere 30 spannende Jahre! Aber vergiss nie: Es ist mit uns wie mit jeder guten Beziehung: Es kann auch sehr gut sein, zwischendurch mal nichts voneinander zu hören.

 

Florian Schroeder, Kabarettist, studierte in Freiburg, lebt in Berlin und vergibt die chilli-Schote am goldenen Band.

 

Foto: Privat