Das Grundgesetz ist in diesem Jahr 65 Jahre alt geworden. Viele meinen ja, es sollte in Rente gehen. Ich habe zum Abschluss des Jubeljahres noch mal reingeschaut.

Artikel 3: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Aha: Vor dem Gesetz. Und hinterher? Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Aha. Na dann. Oder fehlt ein Leerzeichen und es soll heißen: Männer und Frauen sind gleich berechtigt? Jetzt noch nicht, aber gleich? Und zu was dann? Absatz 3, die lyrischste Passage: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“

 

Das finde ich toll und stelle mir vor: Da will jemand in der Wiehre eine Wohnung mieten und sagt zum Vermieter: „Guten Tag, ich bin eine suaheli-sprechende arbeitslose lesbische Asylantin aus Nigeria, begeisterte Rollstuhlfahrerin und polygame Marxistin und hätte gerne die Wohnung.“ Da beruft sich wahrscheinlich der Vermieter auf seine Glaubensfreiheit und sagt: „Ich glaube, ich gebe die Wohnung jemand anderem.“

Volkmar Staub

 

Auch schön, Artikel 12: „Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ Also etwas mehr Ernst bitte! Der Höhepunkt, Artikel 16a: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Das steht so da! Also bitte! Mit dem Genuss ist das halt so eine Sache. Ist ja oft eine Geschmacksfrage.

 

Viele Politiker fanden es ja geschmacklos, dass neulich Aktivisten in Berlin die Gedenkkreuze für die Mauertoten abmontiert und Kopien davon an den Außengrenzen Europas in Polen aufgestellt haben, um auf die toten Flüchtlinge aufmerksam zu machen. Die Mauertoten wollten raus, die Toten an den unsichtbaren Mauern wollten rein. Unsere europäischen Grenzschützer „Frontex“ versuchen, das zu verhindern. Frontex – ein Name wie ein Insektenschutzmittel – und so geschmacklos ist es vermutlich auch gemeint.

 

Zurück zum Grundgesetz. Im Großen und Ganzen etwas angestaubte Nachkriegsliteratur: schön formuliert, spielt ins Märchenhafte, zuweilen noch science fiction, manchmal ins rosemarie-pilchereske kippend. Aber bitte noch nicht in Rente schicken. Einfach etwas mehr respektieren, wie es die Alten verdient haben. Eine scharfe Chilli für die Rechts-Ausleger.

 

Euer GG Kommentator Volkmar Staub
Kabarettist, geboren in Lörrach, lebendig in Berlin,
vergibt die chilli-Schote am goldenen Band.

 

Foto: Privat