Nach der NSA-Schnüffelei: Kommt eine Verschlüsselungspflicht an der Uni?

Nach Schätzungen des Rechenzentrums werden an der Freiburger Universität täglich rund 50.000 E-Mails verschickt, darunter vertrauliche Gutachten, Noten und Forschungsergebnisse. Verschlüsselt sind nicht einmal ein Prozent. „Gerade nach dem NSA-Skandal wird das Thema komplett unterschätzt“, findet der Medienlinguist Friedemann Vogel. E-Mails von Studierenden beantwortet er nur noch, wenn sie verschlüsselt sind – und fordert eine „Krypto-Pflicht“ für die gesamte Universität. Doch diese hat schon seit Jahren nicht einmal mehr einen eigenen Datenschutzbeauftragten.

 

50.000 unverschlüsselte E-Mails – und das in Zeiten von Wirtschaftsspionage und geheimdienstlicher Dauerüberwachung. „Das Thema wird von der Uni komplett unterschätzt“, findet Friedemann Vogel. Der Juniorprofessor für Medienlinguistik beschäftigt sich schon länger mit Kryptografie. „Spätestens seit dem NSA-Skandal sollte das jeder aufgeklärte Bürger tun“, sagt Vogel. „Gerade eine renommierte Bildungseinrichtung müsste vorangehen.“

Verschlüsselte Nachrichten – ganz so einfach ist es nicht.

 

Doch das passiere in der Praxis so gut wie nie, klagt der Dozent. „Von jedem Studierenden wird erwartet, irgendwann Powerpoint zu lernen. Warum gilt das nicht auch für den sensiblen Umgang mit Daten?“ Bei Lehrenden sehe es nicht viel besser aus: „Ich kenne höchstens ein paar Informatik-Professoren, die verschlüsseln. Die große Mehrheit findet das zu umständlich.“ Auch das Rektorat habe noch keine Richtlinien oder Empfehlungen herausgegeben.

 

Deshalb ist nun Vogel selbst vorgeprescht. In seinem jüngsten Seminar stellte er seine Studierenden vor die Wahl: „Ich habe ihnen gesagt, dass ich nur E-Mails beantworte, die verschlüsselt sind. Andernfalls mussten sie zu mir in die Sprechstunde kommen.“ Nicht alle zeigten sich begeistert – und einige kamen tatsächlich lieber vorbei, statt E-Mail-Zertifikate und Verschlüsselungsprogramme zu installieren. Aber: „Zumindest hat sich jeder mit dem Thema auseinandergesetzt“, resümiert Vogel. Seine Idealvorstellung bleibt jedoch der große Wurf: eine Krypto-Pflicht für die gesamte Hochschule.

 

Was sagt der Datenschutzbeauftragte der Uni zu solchen Vorschlägen? Nichts – denn überraschenderweise existiert eine solche Person gar nicht. Bereits seit 2003 ist in Stuttgart die „Zentrale Datenschutzstelle der baden-württembergischen Universitäten“ (Zendas) zuständig, die allerdings nicht den Status eines Datenschutzbeauftragten hat. „Es gibt keine Weisungsgebundenheit“, sagt Zendas-Leiter Heinrich Schullerer, „wir beraten lediglich.“

 

Sein Ratschlag: „Brisante Daten sollte man in Anhänge packen und diese verschlüsseln.“ Und eine Krypto-Pflicht? „Das wäre nicht machbar. Wir müssen anerkennen, dass so etwas viele überfordert.“

 

In Freiburg sieht es der Rechenzentrumsleiter Gerhard Schneider ähnlich. Er bestätigt, dass es keinen „Internet-Knigge“ an der Uni gibt. Stattdessen gelte das Datenschutzgesetz – und damit die Eigenverantwortung. „Wer Personalakten ungeschützt verschickt, handelt nicht gesetzkonform“, sagt Schneider, „und wer Cloud-Dienste wie Dropbox nutzt, weiß, dass er seine Daten der NSA zum Fraß vorwirft.“ Aber weiß das wirklich jeder? „Natürlich passieren Fehler“, räumt der Informatikprofessor ein. Aus seinem eigenen Drucker sei einmal eine vertrauliche Krankenakte gekommen; der Absender hatte im Netzwerk schlicht das falsche Gerät ausgewählt.

 

Dennoch hält Schneider eine Krypto-Pflicht für überzogen. Uni-intern seien die Leitungen ohnehin sicher; für alle anderen Fälle könnten Studierende und Lehrende freiwillig aufs Rechenzentrum zurückgreifen. „Die Infrastruktur für Verschlüsselung existiert. Man muss nur vorbeikommen und sein Zertifikat holen.“

 

Text & Foto: Steve Przybilla

 

Info
Wer lernen möchte, wie man E-Mails verschlüsselt, kann dies auf Friedemann Vogels Homepage tun: www.krypto.friedemann-vogel.de. Der Dozent bietet außerdem eine kostenlose „Krypto-Sprechstunde“ für Studierende und Lehrende an (Termine nach Vereinbarung: krypto-sprechstunde@friedemann-vogel.de).