Freiburg und Kolonialismus? Was bitte hat die gemütliche Provinzstadt im Breisgau mit dem im 19. Jahrhundert in Berlin wütenden bismarckschen Kampf um den berühmten „Platz an der Sonne“ zu tun? Einiges. Zur Jahrhundertwende herrschte auch in Freiburg eine starke prokolonialistische Einstellung, angetrieben nicht zuletzt übrigens durch den Sohn des ehemaligen Freiburger Oberbürgermeisters Otto Winterer, Wilhelm Winterer.

Der war sieben Jahre lang Kolonialoffizier in Deutsch-Ostafrika. Kein Einzelfall: Universitätsprofessoren agierten als Vorsitzende der Freiburger Kolonialgesellschaft, städtische Offiziere erlebten die Kolonialisierung in Afrika vor Ort mit, in Freiburg liegt auch die 1600 Totenköpfe umfassende Schädelsammlung Alexander Eckers, die bis im vergangenen Jahr auch 14 Köpfe von Hererokriegern aus dem heutigen Namibia beherbergte. Diese wurden zwischen 1904 und 1908 von deutschen Besatzern umgebracht. Der Freiburger Eugen Fischer hatte im damaligen Deutsch-Südwestafrika Gräber geöffnet und Leichen geklaut.

Heiko Wegemann erforscht die Freiburger Kolonialgeschichte.

 

Mit seiner Initiative „Freiburg Postkolonial“ versucht der Freiburger Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann schon lange, die Bürger auf das Vermächtnis der deutschen Kolonialvergangenheit in ihrer Stadt aufmerksam zu machen. Wegmann steht vor seinem Büro, streckt sein Gesicht der Sonne entgegen und raucht. Schwarze Jeans, gestreiftes Hemd, eine Hand lässig in der Hosentasche: auf den ersten Blick wirkt er nicht wie der typische Wissenschaftler. Ein kräftiger Händedruck, ein wenig Smalltalk übers Wetter, dann auf einen Kaffee ins Büro. An der Wand hängen Poster über Freiburg, Afrika und Postkolonialismus. Auf dem Tisch liegen vergilbte Dokumente, der Laptop ist unter Büchern und Blocks vergraben.

 

Vergraben, das war über vierzig Jahre lang auch das öffentliche deutsche Bewusstsein zu seiner kolonialen Vergangenheit. Das Deutsche Reich hatte 1885 als Spätzünder unter den europäischen Kolonialmächten Anspruch auf eigene Kolonien erhoben. Es machte zahlreiche Gebiete wie Kamerun, Togo oder Namibia zu „Protektoraten“, die es 1919 durch den Versailler Vertrag prompt wieder verlor. Daraufhin setzten sich viele ehemalige Soldaten, Generäle und Professoren für eine Rückgabe dieser Gebiete ein. So schrieb Wilhelm Winterer in seinem Afrika-Roman „Werben und Sterben“: „Unsere herrlichen Kolonien, die ihre einstige Blüte einzig und allein nur deutschem Fleiß und deutscher Zuverlässigkeit zu verdanken haben, […] müssen wieder in die Hände der rechtmäßigen Besitzer zurückkehren.“ Winterer war von 1907 bis 1913 Kolonialoffizier in Deutsch-Ostafrika, agierte von 1936 bis 1938 als Kameradschaftsführer im Deutschen Kolonialkriegerbund und plädierte sein Leben lang für Kolonialismus und Kolonial-Revisionismus.

Zeugnisse des Kolonialismus: Völkerausrottung als Mittel zum Zweck.

 

„Ich wollte die koloniale Verwicklung Deutschlands und die koloniale Normalität am Beispiel Freiburgs aufarbeiten“, erzählt der 44-jährige gebürtige Oldenburger. Aber warum ausgerechnet Freiburg? Weil der kolonialistische Gedanke Ende des 19. Jahrhunderts auch in der gemütlichen Schwarzwaldmetropole florierte. Die Vorsitzenden in der Freiburger Kolonialgesellschaft waren zumeist Professoren von der Uni, städtische Offiziere erlebten die Kolonialisierung in Afrika vor Ort, oft unter fragwürdigen Umständen. Die Unterdrückung und sogar Ausrottung kolonisierter Völker war zu der Zeit jedoch nicht ungewöhnlich, und der Großteil der Kolonialgesellschaft akzeptierte sie als notwendiges Mittel zum Zweck.

 

Doch nicht nur Menschen verweisen auf die Freiburger Vergangenheit. Auch die ethnologische Sammlung des Museums Natur und Mensch und die Schädelsammlung Alexander Ecker, die aus 1600 Totenköpfen aus Afrika und Baden besteht, zeugen vom kolonialen Erbe der Stadt. Ecker forschte in Freiburg als Anthropologe, genauso wie sein Nachfolger Eugen Fischer, der seinen Ruhm als Rassenhygieniker im Nationalsozialismus erlangte.

 

Die Schädelsammlung beinhaltete auch Schädel von Hererokriegern aus dem heutigen Namibia, die im Zuge des Hererokrieges zwischen 1904 und 1908 von deutschen Besatzern umgebracht wurden. Übereifrige Wissenschaftler schnitten daraufhin den Opfern die Köpfe ab und verfrachteten sie zu „rassenkundlichen Zwecken“ nach Deutschland.

Kolonialgeschichte

 

So auch Eugen Fischer, der in Deutsch- Südwestafrika, wo insgesamt rund 80.000 Männer, Frauen und Kinder von deutschen Kolonialtruppen ermordet wurden, Gräber öffnete und Leichen entwendete.

 

„Das Thema Kolonialismus war für mich sehr bestimmend. Da wurde in Europa etwas als Begegnung verschiedener Kulturen inszeniert, was eigentlich eine ziemlich brutale Geschichte gewesen ist“, sagt Wegmann und nippt an seinem Espresso. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften in Oldenburg und Nicaragua verschlug es ihn nach Freiburg, wo er beim Infozentrum Dritte Welt seinen Zivildienst absolvierte und als Redakteur arbeitete. Parallel zur Kolonialzeit forscht er aktuell zur Geschichte der SS in Freiburg. Den Mann beschäftigen ziemlich düstere Themen. Auch in der Freizeit? Nein. Fechten und Tai-Chi stehen auf dem Programm. „Das ist gesundheitsfördernd, macht Spaß und entspannt.“

 

Text & Fotos: Sofia Conraths