Viele nennen sie die Todesgruppe, die Gruppe B bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Deutschland trifft auf die Niederlande, auf Dänemark und Portugal. Das Freiburger Stadtmagazin chilli wollte von hier in der Region lebenden Fans der Gruppengegner wissen, wie sie ihre Chancen sehen, wo sie sich die Spiele angucken und was sie mit dem Fußball verbindet. Und die erzählten dabei auch das eine oder andere Schmankerl.


Olsen ist ein guter Taktiker
Der Däne Ole Andersen über die Euro 2012


Die älteren unter den chilli-Lesern werden sich erinnern. Am 26. Juni 1992 standen sich in Göteborg im Endspiel um die Europameisterschaft Deutschland und der Überraschungsfinalist Dänemark gegenüber. Die Dänen waren nur durch den Ausschluss des vom Balkankrieg umtobten Jugoslawien überhaupt ins Turnier nachgerückt und wurden mit einem 2:0 übers Team von Berti Vogts Europameister. Der Däne Ole Andersen trainiert heute den Handball-Drittligisten SG Köndringen-Teningen und kann sich noch sehr gut an 1992 erinnern.

„Witzig war ja, dass ich damals die dänische Handballnationalmannschaft trainiert habe und der Fußballnationaltrainer Richard Møller Nielsen nur 400 Meter von uns im gleichen Dorf bei Odense wohnte. Ein paar Tage nach dem Titelgewinn haben wir uns beim Spazierengehen getroffen. Ich habe ihm zum Titel gratuliert, aber es war ein so untypisch schöner Tag, dass wir eigentlich nur übers Wetter geredet haben. Jetzt, 20 Jahre später, haben wir mit Deutschland, Holland und Portugal eine sehr schwere Gruppe. Beim ersten Spiel gegen die Holländer gibt es ein offensives Spiel und am Ende ein 1:1. Gegen Portugal gewinnen wir 2:1, weil die zwar viele sehr gute Einzelspieler haben, aber nicht so als Mannschaft spielen können. Dann haben wir vier Punkte und können uns vielleicht eine Niederlage gegen die Deutschen leisten und kommen trotzdem weiter. Ich finde, unser Trainer Morten Olsen macht einen sehr guten Job.

Er ist ein guter Taktiker, arbeitet auch im mentalen Bereich, schaut nicht auf die Namen, sondern auf die Rollen der Spieler in ihren Vereinen. Durch die vielen Siege gehen die Dänen mit viel Selbstbewusstsein ins Turnier. Aber auch von Jogi Löw halte ich sehr viel, und die Deutschen sind neben Spanien, Italien und Holland der Favorit. Ich werde die Spiele in Ruhe zu Hause anschauen, in den Kneipen sind die Leute ja immer so hektisch. Mich berührt das nicht groß, ob die Dänen nun ganz viel oder nicht so viel Erfolg haben. Für mich ist Fußballschauen einfach nur Vergnügen.“


Blutfarbe: Orange
Der Holländer Folkert Kuyper freut sich auf die EM 2012


„Ohne Holland, fahrn wir …“ derzeit wohl nirgendwohin. Der amtierende Vizeweltmeister aus dem Nachbarland hat sich von der Nicht-Qualifikation zum Weltturnier 2002 längst erholt und rangiert in der FIFA-Weltrangliste nur knapp hinter den EM-Turnierfavoriten aus Deutschland und Spanien. In der Vorrunde kicken die „Oranjes“ am 13. Juni um 20.45 Uhr in Kharviv gegen unsere Bundesadler. Das wird sich auch der in der Nähe von Amsterdam geborene Folkert Kuyper nicht entgehen lassen. Der 43-jährige Kraftfahrer wohnt seit 37 Jahren in Freiburg und war selbst lange als Spieler, Trainer und Vorstand beim Kreisligisten SV Ebnet aktiv. Heute ist er nur noch Fan.

„Deutschland gegen Holland ist inzwischen ja eine sehr gesunde Rivalität – längst nicht mehr so aggressiv wie früher. Ich lebe hier, seit ich sechs Jahre alt bin, und mag die Deutschen. Beim Thema Fußball ist mein Blut dennoch zu 100 Prozent orange. Die EM schaue ich mit meiner und der Familie meines Bruders an. Wahrscheinlich gehen wir dann in den Ganterbiergarten und zwar in voller Montur: mit Holland-Trikot, Krawatte, Fahne, Wimpel und orangener Krone. Wenn wir gewinnen, darf ich mir dann zwar wieder einige Sprüche der Marke „Wohnwagenkutscher“ und „Tomatenlastwagenfahrer“ anhören, aber da reagiere ich sportlich.

Ich hoffe, dass wir bei diesem Turnier erfolgreicher sind als bei der WM – da hat’s mit dem Finalsieg ja leider nicht geklappt. Die holländische Mannschaft ist gut, Sneijder ist der Topstar, von Ajax und Feyenoord haben wir ein paar junge Talente dabei, und van Marwijk ist ein super Trainer. Aber die Mannschaft neigt auch zur Überheblichkeit und dann schlagen sie sich selbst. Und wir haben diesmal ja eine der schwersten Gruppen: Dänemark darf man nicht unterschätzen, die sind unberechenbar. Die Portugiesen spielen hoffentlich wie in der Quali, nämlich unbeständig, dann können wir sie schlagen. Und die Deutschen? Die spielen einen guten Fußball, das muss man leider anerkennen. Aber wer Europameister werden will, muss jeden schlagen, so ist das nun mal.“


Ronaldo bringt es nicht im Nationalteam
Der Portugiese Gregorio Reves über die EM 2012


Sein Lebensmittelladen Casa Portugal in der Schwarzwaldstraße ist eine Institution. Seit elf Jahren verkauft Gregorio Reves zusammen mit seiner Frau Olivia Maria hier bereits portugiesische und spanische Spezialitäten, zuvor waren die beiden zwölf Jahre in der Schützenallee in einem Hinterhof. Gregorio Reves kam schon vor 42 Jahren von der Algarve nach Freiburg und arbeitete zunächst bei der Rhodia. Er hält Benfica Lissabon die Treue.

„Das Spiel gegen die Deutschen? Das wird verdammt schwer. Deren Mannschaft ist jung und schnell, und sie haben mit Jogi Löw einen guten Trainer. Immerhin, er ist ja einer von uns hier aus Freiburg. Portugal ist nicht schlecht, aber die Deutschen sind mit den Niederländern der klare Favorit in dieser schweren Gruppe. Tja, 2004 bei der EM im eigenen Land hätte es beinahe für uns gereicht mit dem Titel – doch dann kamen Rehagel und die Griechen. Wir waren traurig, man sagt uns Portugiesen ja einen Hang zur Melancholie nach. In diesem Fall zu Recht. Gegen Deutschland haben wir zuletzt bei großen Turnieren zwei Mal verloren.

Ich weiß auch nicht, warum unser Superstar Cristiano Ronaldo für Real Madrid ein Tor nach dem anderen macht, für das Nationalteam aber kaum trifft. Zwei Tore bei der WM in Südafrika und das ausgerechnet im Spiel gegen Nordkorea? Das war doch lächerlich. Wir sind frühzeitig ausgeschieden. Überhaupt kommt bei den portugiesischen Fans erst einmal der eigene Verein, dann das Nationalteam. Porto, Sporting oder Benfica sind vielen wichtiger. Mein Lieblingsspieler ist Fabio Coentrão, der spielte ja mal bei Benfica. Und der Trainer? José Mourinho ist als neuer Nationalcoach im Gespräch, das stand zumindest in der Zeitung. Abwarten. Normalerweise schaue ich ja keinen Fußball mehr im Fernsehen. Herzklappenoperation. Die Aufregung. Ich sollte mich schonen. Sie wissen, wovon ich rede … Bei der EM probiere ich es mal wieder vorsichtig.“

Text: bar/fho/dob