Die Freiburger Biathlet Willi Brem auf der Jagd nach der Goldmedaille

Er ist 36 Jahre und kein bisschen müde: Der blinde Freiburger Biathlet Willi Brem startet morgen mit dem Flieger nach Sotschi, es werden seine sechsten Spiele in Folge. Seit 1994 in Lillehammer hat er dabei jedes Mal zumindest eine Medaille mit nach Hause gebracht. Vor vier Jahren in Vancouver holte Brem sein drittes Gold. Ob er diesen Erfolg heuer wiederholen kann, ist allerdings fraglich – auch weil die Konkurrenz aus dem Ausrichterland dank staatlicher Förderung in der jüngsten Vergangenheit enorm aufgerüstet hat.

Volle Konzentration auf die Paralympics: Willi Brem beim Tranining am Notschrei.

 

Es ist kalt, der Wind rauscht durch die hohen Schwarzwaldtannen, und aus der Ferne nähern sich zwei Langläufer im Deutschland-Dress. „Hopp-hopp-hopp-links-links-links“ – betont ruhig und blechern schallt die Stimme von Guide Florian Grimm aus dem am Rücken angebrachten Mini-Lautsprecher, als er und Willi Brem durch das Biathlon-Stadion am Notschrei gleiten. Das Duo erreicht den Schießstand, Brem ergreift Grimms Arm und lässt sich bis zur Matte begleiten. Dann legt er sich hin, setzt die Kopfhörer auf, ergreift das High-Tech-Infrarot-Gewehr und feuert in scheinbar größter Ruhe fünf Schüsse auf die LED-Zielscheibe. Fünf grüne Lichter, fünf Treffer. „So kannst du immer schießen“, freut sich Grimm.

 

Eine halbe Stunde später ist Pause. Die beiden wärmen sich im nahe gelegenen Umkleideraum auf. Zu lange draußen in der knackigen Gipfelluft zu sein, könnte die Sotschi-Teilnahme gefährden – und dass es die ersten Spiele ohne Brem seit 20 Jahren werden, das will man so kurz vor dem Ziel nicht riskieren. Der 36-Jährige steuert seine sechste Teilnahme in Folge an, damit wäre er so oft bei den Paralympics gewesen, wie Rekord-Rodler Georg „Schorsch“ Hackl bei Olympia. „Ein Rekord ist das aber nicht“, stellt Brem gleich klar. Zwar lassen sich deutsche Athleten, die noch öfter dabei waren, an einer Hand abzählen, aber der mehrfache Medaillengewinner, zweifache Weltmeister (1996 & 2000) und Gesamt-Weltcupsieger (2007) ist kein Mann der großen Töne. Deswegen will er sich auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, was die Medaillenchancen in diesem Jahr angeht: „Die Vorbereitung war eigentlich ganz okay, ich bin verletzungs- und krankheitsfrei durch die Zeit gekommen. Im Weltcup bin ich zwar nur zwischen Platz fünf und zwölf gelandet, die Möglichkeit auf einen Podestplatz gibt es trotzdem.“

 

Dabei ist Brem – das belegen Messungen – nicht schlechter geworden. Aber andere besser. „Die Leute aus Russland und der Ukraine haben in den vergangenen Jahren eine große Schippe draufgelegt“, erklärt er, von woher der kälteste Wind weht. Weil sich die Gastgeber beim Heimspiel keine Blöße geben wollen, wurde die staatliche Förderung auch für behinderte Sportler enorm angehoben. „Seit vier Jahren sind das alles Profis“, erklärt Grimm. Das unterscheidet die Russen und Ukrainer von fast allen anderen Teilnehmern. Und das macht sich in den jüngsten Wettkampfergebnissen deutlich bemerkbar. Beim Weltcup am Notschrei im Januar etwa siegten in 17 von 18 Entscheidungen Sportler aus Russland und der Ukraine. „Insbesondere das Niveau am Schießstand ist extrem gestiegen“, ergänzt Grimm, „vor ein paar Jahren waren drei oder vier Fehler immer möglich, heute sind null oder ein Fehler Standard.“

 

Zudem gab es auch Änderungen im Regelwerk, die Brem zum Nachteil gereichen: Bekam er früher als vollständig sehbehinderter Sportler 15 Prozent Zeitgutschrift, sind es heuer nur noch 13. „Und die zwei Prozent machen sich auf dem Niveau sofort bemerkbar“, weiß der Freiburger. Aber: Bange machen gilt für einen wie Brem nicht. Als das Aufwärmen beendet ist, geht es wieder raus in die Kälte auf die Piste. Brem geht gut vorbereitet ins Gefecht mit den Russen. Ob es sein letztes wird, das will er nach Sotschi entscheiden.

 

Text & Foto: Felix Holm