Am 18. Mai endet die 50. Saison der Fußball-Bundesliga. Für den Sportclub Freiburg war es die turbulenteste seiner 14 Spielrunden im Oberhaus. Es ging drunter und drüber an der Schwarzwaldstraße: Große Rochaden beim sportlichen und beim entscheidenden Personal wechselten sich mit endlosen Diskussionen um ein neues Stadion ab. Das Team von Trainer Christian Streich mutierte derweil vom Abstiegs- zum Europa-League-Kandidaten. Und Streich selbst avancierte zum Topstar des Vereins, wurde mit dem Trainerpreis des deutschen Fußballs ausgezeichnet und hätte um ein Haar sogar den Einzug ins DFB-Pokalfinale gegen den großen FC Bayern geschafft. chilli-Redakteur Felix Holm lässt die wichtigsten Ereignisse der verrückten Saison Revue passieren – und gibt einen Ausblick, was auf den SC zukommt.

Die Drei von der Abteilung Attacke: Jonathan Schmid, Daniel Caligiuri und Max Kruse

 

DIE SPIELER
Der Marktwert soll das Können eines Fußballers spiegeln. Die finanzstarken Vereine aus Mönchengladbach, Frankfurt und Wolfsburg überweisen im Sommer ein paar Millionen nach Freiburg: Mit Daniel Caligiuri, Max Kruse, Jan Rosenthal und Johannes Flum gehen Spieler, die auf transfermarkt.de einen Marktwert von 13 Millionen Euro aufrufen. „Dass solche Spieler gehen, ist zu erwarten, das ist die dunkle Seite des Erfolges“, dreht SC-Präsident Fritz Keller die Medaille auf ihre andere Seite. „Aber die gehen ja nicht umsonst – und wir können und müssen mit dem Geld wieder in den Kader investieren.“
Die Abgänge sind schmerzhaft, aber die drei mutmaßlich wertvollsten Spieler bleiben: Das sind Matthias Ginter, Fallou Diagne und eben Baumann, die zusammen mit 13,5 Millionen gelistet sind. Auf die Frage, ob Oliver Baumann nicht auch eine Nominierung von Jogi Löw verdient hätte, antwortete Christian Streich nach dem Spiel gegen Augsburg: „Ich will gar nicht so viel über unsere Spieler reden – andere reden schon genug.“ Dass man Lücken auch mit eigenen Talenten füllen kann, hat man schon bewiesen. Allerdings auch, dass investiertes Geld keine Garantie für Erfolg ist, wie der Fall des im Winter nach China verliehenen Garra Dembélé zeigt – der teuerste Einkauf der Vereinsgeschichte. Einen ganz besonderen Coup verriet vor dem vorletzten Heimspiel übrigens noch ein Verkäufer des Stadionhefts: „SC an Arjen Robben dran – ein Euro fehlt noch.“

DER MANAGER
„Die Sache mit Dufner ist abgeschlossen. Das bringt Veränderung mit sich, aber jede Veränderung ist auch eine Chance“, zieht Keller einen Schlussstrich unter die Sache mit dem Ex-Manager. Dufner war vielleicht der Mann, der die Ära nach Finke neben den Trainern mit seiner Transferpolitik am meisten geprägt hat. Oft mit einem gutem Händchen, wie die Verpflichtungen von Julian Schuster, Max Kruse, Fallou Diagné, Cedric Makiadi, aber auch Papiss Demba Cissé belegen. Dass er ausgerechnet so kurz vor der transferintensiven Sommerpause den Verein verlässt, ist „nicht bequem, aber bequem wollen wir es auch nicht haben, wir wollen erfolgreich sein“, sagt Keller. Dass jetzt mit Clemens Hartenbach und Jochen Saier zwei Neulinge den Job in dieser wichtigen Phase kommissarisch übernehmen, zeigt, wie unaufgeregt in Freiburg nach wie vor gearbeitet wird. Und wie konsequent das Konzept des Ausbildungsvereins auf allen Positionen durchgezogen wird.

Künftiges Bauland: Anstelle des Stadions werden im Osten bald Wohnungen gebaut.

 

DAS STADION
Seit drei Jahren arbeitet der SC an einem neuen Stadion. Die Freiburger sind mit Studien überhäuft und mit Standortdiskussionen bombardiert worden. Am 30. April flatterte dann plötzlich die Drucksache BA-13/020 in die chilli-Redaktion: Beschlussvorlage für den „Bebauungsplan Neues Fußballstadion am Flugplatz“. Die BZ berichtete eine Woche später über den „überraschenden Vorstoß“ der bislang eher defensiven Stadtverwaltung. Am 14. Mai (da war diese Ausgabe im Druck) sollte der Gemeinderat die Aufstellung des Plans beschließen, der neben Trainingsplätzen den Bau einer neuen Arena am Wolfswinkel für 30.000 Zuschauer ermöglichen soll. Zwar ist damit wahrscheinlich, dass der SC an den Flugplatz ziehen wird. Offen ist aber weiter, wie die Arena finanziert werden soll – das Rathaus will/kann nur mit einer Bürgschaft helfen, das Land hat auch kein Geld in Aussicht gestellt.

DIE EUROPA LEAGUE
Freiburg liegt bekanntlich im Dreiländereck, einer trinationalen Zone mitten in – wie hieß noch gleich dieser Kontinent? Lange war es verboten, von Europa zu sprechen. Das hat sich in den vergangenen Wochen schlagartig geändert. „Europa? Da wollen wir alle hin“, sagte Baumann nach dem Augsburg-Spiel in die Kameras. „Die Mannschaft, die Fans und die Region haben es jedenfalls verdient, europäischen Fußball zu sehen“, sagt der Präsident. Seit zwölf Jahren hat der SC kein Pflichtspiel mehr im Ausland bestritten. Für alle, denen eine Fahrt nach Stuttgart schon grenzüberschreitend genug ist, hier noch eine kleine Liste europäischer Vereine, die sich auf Europaleague-Kurs befinden: AS Rom, Tottenham Hotspur, Besiktas Istanbul, FC Valencia oder Feyenord Rotterdam. Mit den Niederländern hat der SC übrigens noch eine Rechnung offen. Man sieht sich ja immer zweimal …

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DER TRAINER
Wenn Fritz Keller über seine persönlichen Highlights der Runde spricht, sagt er: „Das waren so viele, das kann ich gar nicht aufzählen.“ Das absolute Top-Highlight war für ihn aber „die Entwicklung, die Christian Streich gemacht hat, die deutschlandweit für Furore gesorgt hat. Das zweite Highlight ist, dass er bei uns verlängert.“ Nicht die tolle Platzierung in der Liga, nicht das Pokalhalbfinale, der Trainer ist zum Höhepunkt des Vereins geworden. Das ist auch dem DFB aufgefallen und deswegen hat er Streich im März den „Trainerpreis des deutschen Fußballs“ verliehen. Unter ihm hat sich der SC wieder zu einem Kult-Verein entwickelt. Von dieser Warte aus betrachtet, ist auch klar, warum es im April Streit zwischen ihm und Dufner gab: Die beiden denken und leben Fußball stark unterschiedlich. Der inzwischen geschiedene Manager hatte in der taz einst gesagt: „Wir wollen ein ganz normaler Verein sein.“ Das ist der SC unter Streich nicht mehr. Zum Glück.

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DIE FANS
Während in Dortmund ein scheidender Spieler mit „Verpiss Dich!“-Spruchfahne ins Visier genommen wurde, hatten die Fans an der Dreisam andere Sorgen: „Kein 3er für ein Bier. Stadionbier muss bezahlbar bleiben.“ So stand es gegen Augsburg auf einem Banner an der Nordtribüne. Cool bleiben und sich aufs Wesentliche konzentrierten – genau wie das Team. Das ist Identifikation. Damit haben sich auch die Fans am Ende die Versetzung verdient. Weiter geht’s in Europa.

Text: Felix Holm / Fotos: Neithard Schleier