Sobald am Set der Ball rollt, glühen Jimmy Hartwigs Augen. Der Ausnahme-Fußballer, der 1977 mit dem TSV 1860 München in die erste Bundesliga aufstieg und von 1978 bis 1984 mit dem HSV dreimal deutscher Meister wurde, vertreibt sich die Wartezeiten am Set in Ismaning bei München gerne mit einem beherzten Kick. Hartwig steht als Gaststar für die ZDF-Krimiserie „SOKO 5113“ vor der Kamera. Er spielt einen des Mordes verdächtigten Kiesgruben-Arbeiter. Ob er schuldig ist oder nicht, erfährt man erst zur Ausstrahlung im nächsten Frühjahr. Von Düsternis ist beim Drehen jedoch nichts zu spüren: Hartwig hat sich nach seinem Ausscheiden aus dem Fußballgeschäft – zuletzt als Trainer bei FC Sachsen Leipzig – unter anderem aufs Theaterschauspielen verlegt, doch aktuell könnte es glatt passieren, dass der 57-Jährige den nächsten Rollenanruf überhört: Das EM-Fieber hat den Mittelfeldstar, der in zwei Spielen selbst das National-Trikot trug, komplett im Griff. Rupert Sommer hat mit ihm gesprochen.

chilli: Herr Hartwig, Sie haben auf dem Theater schon Rollen wie Georg Büchners „Woyzeck“ gespielt, jetzt sind Sie erstmalig Verdächtiger in einer ZDF-Serie. Wie kommt man denn von der Fußball- zur Schauspieler-Karriere?
Jimmy Hartwig: Ich hatte immer den Drang, mich mit Schauspielern, Sängern, mit Künstlern allgemein zu umgeben – weil das kreative Menschen sind, die mir Spaß machen. Zum Theater bin ich dann wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Thomas Thieme („Rosa Roth“, ein renommierter Theaterschauspieler und Regisseur, d. Red.) hat mich angesprochen, ob ich bei einer seiner Produktionen mal mitmachen wollte.

"Ich bin Deutscher und stehe selbstverständlich in jedem Lokal auf, wenn im Fernsehen die Nationalmannschaft antritt und die Hymne gespielt wird", sagt Jimmy Hartwig.



chilli: Mit Thieme arbeiten Sie immer wieder zusammen – auch bei unterhaltsamen Abenden, an denen Sie gemeinsam auf der Bühne stehen.
Hartwig: Mittlerweile ist er ein Freund, ein echter Mentor. Er hat mich zum Schauspiel gebracht – und bildet mich Schritt für Schritt zum Darsteller aus. Einige Kollegen sagen mir jetzt schon, dass ich da mittlerweile zur Bundesliga gehöre. Das freut mich, aber ich warte noch auf Rollen. Ich möchte jetzt gerne sehr viel im Fernsehen drehen, weil es mir so großen Spaß macht, in immer neue Rollen zu schlüpfen und dabei von vielen Leuten gesehen zu werden.

chilli: Das Fernsehen gilt unter Schauspielern ja als besonders anstrengend – weil fast alle Szenen in Mini-Einstellungen zerhackt sind.
Hartwig: Mir wäre es auch lieb, wenn ich ankommen könnte und hätte dann gleich meinen Text in die Kamera gesprochen. Verzeihung: Die Rolle gespielt, natürlich. Texte aufsagen kann jeder. Beim Theater heißt es: Vorhang auf – und für mich geht die Party los. Dann weiß ich, dass mein Stück in anderthalb bis zwei Stunden vorbei ist. Beim Drehen komme ich um elf Uhr an und bin mindestens erst um halb Drei fertig. Auch nicht viel, okay – es gibt Schlimmeres, um sein Geld zu verdienen.

chilli: In ihrer ersten Krimirolle spielen Sie gleich einen Beschuldigten. Belastet Sie das zusätzlich?
Hartwig: (lacht) I wo. Ich bin in meinem Leben schon so oft irgendwelcher Dinge beschuldigt worden. Das ist juckt mich jetzt nicht mehr.

chilli: Wie viel von einem Schauspieler muss eigentlich in jedem Fußballer stecken? Ist der Rasen nicht auch ein große Bühne?
Hartwig: Was die Spieler heute manchmal machen, ist kein Schauspiel, sondern Dummheit. Wenn sie sich hinschmeißen und gequält hin- und herrollen, dann geht es ja nur darum, dem Kollegen zu schaden – damit er vom Platz fliegt. Für mich ist so etwas eine Sauerei. Und über die Offiziellen, die so etwas auch bei der aktuellen EM schon wieder durchgehen lassen, rege ich mich jedesmal aufs Neue auf. Ich wollte selbst meine Spiele immer auf eine anständige und saubere Art und Weise gewinnen.

Jimmy Hartwig (rechts) fühlt sich unter den "SOKO 5113"-Kollegen (von links: Joscha Kiefer, Gerd Silberbauer, Michel Guillaume und Bianca Hain) recht wohl.



chilli: Was geht eigentlich in Ihnen vor, wenn Sie heute die EM-Spiele vor dem Bildschirm verfolgen?
Hartwig: Ich kann mich exakt in jeden einzelnen Spieler hineindenken. Von der ersten bis zur letzten Minute weiß ich genau, was in den Köpfen der Jungs abgeht. Und ich kann gut erahnen, was ihnen in der Vorbesprechung vom Trainer eingetrichtert wurde. Dafür stand ich lange genug auf dem Platz. Wunderbar! Das fühlt sich manchmal an, als wäre ich selbst dabei.

chilli: Werden Ihre Hände feucht, wenn Sie vor dem Fernseher ein großes Länderspiel verfolgen?
Hartwig: Natürlich. Ich hatte das Spiel gegen Holland 2:1 getippt, auch bei Dänemark lag ich richtig. Ich habe bislang kein einziges Spiel gesehen, in der eine Mannschaft annähernd so gut spielte wie die Deutschen. Es wird aber schon noch spannend.

chilli: Inwiefern?
Hartwig: Die Deutschen kommen ins Endspiel. Ob sie Europameister werden – weiß ich nicht.

chilli: Auf welche Final-Begegnung tippen sie denn?
Hartwig: Deutschland – Spanien. Dann sehen wir mal, was passiert. Eigentlich hätte ich gerne Deutschland – Russland gesehen, aber das wird ja jetzt leider nichts mehr. Das wäre ein hochklassiges Superspiel geworden.

chilli: Wenn Sie die Zeit einmal innerlich zurückdrehen: Würden Sie in der Löw-Elf von heute, die für ein modernes, weltoffenes Deutschland steht, nicht gerne mitspielen?
Hartwig: Das Team spiegelt die ganze Breite der Gesellschaft wieder. Heute wäre ich ganz anders anerkannt als früher. Aber das wäre für mich nicht der Hauptgrund gewesen, bei ihm liebend gerne mitzuziehen. Am besten gefällt mir die Spielkultur: das Gas geben, der Spaß am Spiel. Heute werden die Sechser ja gehypt.

chilli: Ihre alte Rückennummer …
Hartwig: Ich hab immer auf der Sechs gespielt – und als Mittelfeldspieler in Deutschland die meisten Tore geschossen.

chilli: Lange dachte man, solche Spieler gibt es hierzulande gar nicht. Solche, die eher von hinten kommen und Tore schießen.
Hartwig: Heute sehen die Leute so was – und es macht sie glücklich. Endlich weiß man, wie wichtig ich für die Mannschaften, etwa den HSV, mit meiner Sechs gewesen war.

Erste Krimiserien-Rolle als Mordverdächtiger (von links): Bianca Hein, Michel Guillaume, Jimmy Hartwig, Gerd Silberbauer und Joscha Kiefer.



chilli: Ein Art späte Genugtuung?
Hartwig: Auf jeden Fall.

chilli: Es war ein langer Weg, bis die deutsche Mannschaft erstmals dunkelhäutige Stammspieler hatte …
Hartwig: Die Entwicklung kam für mich zu spät. Sicherlich schmerzt das. Aber ich finde toll, dass das multikulturelle Gedankengut in der Gesellschaft angekommen ist. Heute hat man Brasilianer, Polen, Türken in der Mannschaft. Wir sind eine Welt – und alle Weltbürger. Ich bin in Deutschland geboren. Wenn jemand wie ich einen schwarzen Vater hat, dann hat er zu spielen. Mein Vater war auch Schwarzer, aber man hat mich lange nicht spielen lassen.

chilli: Viele der damaligen DFB-Offiziellen hatten Sie geschnitten, heute kommt Kanzlerin Merkel zu Mesut Özil und den anderen Jungs in die Kabine.
Hartwig: Es ist eine andere Welt. Wenn ich heute Joachim Löw als Trainer hätte – dann wäre ich mit Sicherheit Stammspieler in der deutschen Nationalmannschaft. Früher hatte man eben gerne blonde Spieler. Aber ich bin dankbar, dass ich zwei Länderspiele machen durfte. Ich bin Deutscher und stehe selbstverständlich in jedem Lokal auf, wenn im Fernsehen die Nationalmannschaft antritt und die Hymne gespielt wird. Wer nicht aufsteht, hat bei mir verloren.

chilli: Zu Ihren großen Förderern zählte ja lange Ihr damaliger HSV-Trainer Ernst Happel. Ist der Regisseur Thomas Thieme jetzt in diese Rolle gerutscht?
Hartwig: Definitiv. Thieme ist der neue Happel. Er ist ein Kumpel, der weiß, wie man mich nehmen muss. Happel hatte ja den wilden Hartwig, der ausgeflippt ist und die große Schnauze hatte. Und den musste er in den Griff bekommen. Thomas Thieme hat es mit einem pflegeleichten Hartwig zu tun.

chilli: Wirklich? Was ist mit der großen Schnauze passiert?
Hartwig: (lacht) Die gibt’s nicht mehr. Ich sage heutzutage schon meine Meinung – aber ich mach’s eben diplomatischer. Das habe ich meiner Frau zu verdanken.

Quelle: teleschau – der mediendienst
Fotos: teleschau / Rupert Sommer