Als Steffen Weinhold nach der 24:28-Niederlage gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister Spanien aus den Katakomben des Pabellón Principe Felipe in Saragossa kam, wollte ein Ordner den Linkshänder durch eine Jubeltraube der Spanier leiten. Aber Weinhold drehte sich aus der Umarmung und nahm mürrisch einen anderen Kurs auf den wartenden Bus. Die Enttäuschung nach einem großartigen Spiel stand auch den anderen Deutschen ins Gesicht geschrieben. Bis zum 21:21 hatte vor 11.000 frenetischen spanischen Fans die zweite kleine Sensation des Turniers in der Luft gelegen.

Gegen den Weltmeister: An der Defensive um Oliver Roggisch (4) lag die Pleite nicht.


Nach dem Aus in Saragossa, wohin sich kurzentschlossen neben einer kleinen Freiburger auch eine größere Reisegruppe aus Magdeburg auf den Weg gemacht hatte, übten sich viele Medien in der Ursachenforschung. Doch die Gründe sind mit vier Fakten schnell zu überliefern: Der „Man of the Match“, Spaniens Kapitän Alberto Entrerríos, hatte schon in der 19. Minute die zweite Zeitstrafe kassiert – aber kein Deutscher hatte danach versucht, die dritte zu provozieren und den Rückraumstar damit aus dem Spiel zu nehmen. Zweitens: Spaniens Coach Valero Rivera ließ nach einer grandiosen ersten Halbzeit der Deutschen, die mit einem 14:12-Vorteil in die Kabine gegangen waren, ab und an die halbrechte Rückraumposition kurz decken. Aber weder Weinhold noch Adrian Pfahl unternahmen etwas dagegen, setzten sich an den Kreis ab oder tauschten mit den Mittelmännern Michael Haaß und Martin Strobl die Plätze. Und genau dadurch war der deutsche Rückraum – ohne die zu Hause gebliebenen Lars Kaufmann und Holger Glandorf – in diesem Spiel gegen diesen taktischen Kniff nach dem 21:21 durch Weinhold nicht mehr in der Lage, sich gegen den entscheidenden Mann auf dem Feld, Spaniens Keeper José Manuel Sierra, in gute Position zu bringen, zu treffen. Den vierten Grund zeigte nach Spielschluss der Videowürfel unterm Hallendach an: Von zehn Gegenstößen hatten die Deutschen nur fünf im gegnerischen Gehäuse untergebracht – Patrick Groetzki wird sich daran noch eine Weile erinnern.


Über die ersten beiden Gründe aber könnte auch der Schutterwälder Bundestrainer Martin Heuberger (siehe Foto) nachdenken. Er hat aus einer mutmaßlichen „Gurkentruppe“ (Basler Zeitung) ein Team geformt, das auf dem Weg zurück in die Weltspitze ist. Das den amtierenden Weltmeister Frankreich erstmals nach dem legendären 32:31 im WM-Halbfinale 2007 wieder geschlagen hat. Das gegen Spanien in der Spitze 9,59 Millionen Zuschauer an die Mattscheiben gelockt hat. Und das mit seiner kollektiven, spritzigen Art die Herzen der Handballfans nach einer Kaskade von Enttäuschungen wieder höher hat schlagen lassen.

Es macht wieder Spaß, den Deutschen beim Handball zuzuschauen – sogar dem bärenstarken Kapitän Oliver Roggisch, der auch aus Schutterwald kommt. Einem Team mit sechs WM-Debütanten ohne die großen Namen der großen Clubs – ein Verdienst Heubergers. Es wird drauf ankommen, wie er die Truppe jetzt weiterentwickeln wird, ohne den Magdeburger Co-Trainer Frank Carstens, der nach dem WM-Aus aus beruflichen und privaten Gründen zurücktrat.

Am 3. April spielen die Deutschen in Tschechien das dritte Qualifikationsspiel um die Euro 2014 in Dänemark. Der Geist von Spanien wird wichtig sein, wenn die Heuberger-Sieben dort an diese Leistungen anknüpfen will. Als Letzter war lange nach Spielschluss ein nachdenklicher Heiner Brand in die Kabine gegangen. Er hatte seinem Nachfolger vor der Partie eine Überraschung zugetraut. Die wäre drin gewesen. Aber auch ohne sie war die WM 2013 ein Erfolg für den deutschen Handball.

Text: Lars Bargmann / Fotos: Lars Bargmann, dapd