In Baden-Württemberg arbeiten jährlich zwischen 5000 und 6000 Spargel-Erntehelfer, überwiegend aus Polen und Rumänien. Sie profitieren erstmals vom Mindestlohn. Zahlen müssen den am Ende die Spargelkäufer – doch ob die die höheren Preise annehmen, bleibt abzuwarten. Wenn nicht, wird vielen Bauern nichts anderes übrigbleiben, als ihre Flächen zu verkleinern. Ein Problem, das auch der Kaiserstühler Spargelbauer Hans-Peter Bressel hat.

 

Knack. Oh je, schnell weiterbohren und so tun, als wäre nichts passiert. Doch Hans-Peter Bressels Ohren entgeht nichts. „Der ist durch“, sagt der Spargelbauer und lacht. Schon nach wenigen Minuten des Selbstversuchs wird klar: Spargelstechen ist nicht so einfach wie gedacht. Während der Kampf mit der zweiten Stange noch andauert, ist Giorgio bereits fünf Meter weiter. Aufdecken, stechen, zuschütten, abdecken – bei dem Rumänen, der bereits das vierte Jahr auf Bressels Obst- und Gemüsehof in Forchheim arbeitet, geht das im Akkord.

Erdbeeren und Spargel werden dieses Jahr teurer.

 

Noch strecken nur wenige Stangen ihre weißen Köpfchen aus der Erde, das Kilo Spargel liegt daher bei rund 20 Euro. Dass er überhaupt schon Spargel an seinen elf Verkaufsständen in und um Freiburg anbieten kann, verdankt Bressel seinen übermannshohen Tunneln, die die Kälte durch Folie und Vlies draußen halten.

 

In der Hauptsaison sinkt der Preis dann eigentlich auf fünf bis sechs Euro das Kilo – in diesem Jahr soll jedoch ein Euro mehr fällig werden. Grund: Giorgio und die anderen Erntehelfer aus Polen und Rumänien bekommen jetzt ein tarifliches Mindestentgelt von 7,40 Euro die Stunde. Der ortsübliche Lohn lag in Baden-Württemberg vorher einen Euro darunter.

 

An den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro kommt der für jeden Saisonhelfer verpflichtende Tariflohn zwar noch nicht heran – eine auf vier Jahre begrenzte Sonderregelung erlaubt diese Ausnahme –, für Bressel ist er dennoch viel zu hoch. „Wir haben ein Riesenproblem“, moniert er, „was von uns gefordert wird, ist nicht realisierbar.“ Dabei ist der Landwirt noch in einer vergleichsweise guten Lage: Sein Hof vermarktet 90 Prozent der Ware im Direktverkauf, also an Verkaufsständen an der Straße und auf Märkten. Hier kann der Bauer die Preise selbst bestimmen – anders als im Discounter oder beim Großmarkt. Dort bekommt er für seinen Spargel oftmals nur die Hälfte des Preises.

 

Von zehn Prozent Preissteigerung geht der Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) aus. „Wir müssen die Reaktionen abwarten und schauen, ob sich die Kunden von den Preisen abschrecken lassen“, sagt Geschäftsführer Simon Schumacher. Kritischer sei die Lage bei den Erdbeeren. „Hier ist die Abhängigkeit vom Handel, der natürlich die Preise drückt, viel größer als beim Spargel.“ Sind die deutschen Erdbeeren zu teuer, greifen die Discounter auf die Ware aus Billiglohnländern zurück.

 

In Bressels Tunneln blüht es bereits kräftig, in wenigen Wochen sind die Erdbeeren erntereif. Doch hier wird nichts beschleunigt. Damit die Beeren nicht „gestresst“ werden, hält eine Folie einen Teil der Sonnenstrahlung zurück. Eine längere Wachstumszeit für mehr Geschmack – eigentlich ein gutes Verkaufsargument.

Auch der Forchheimer Hans-Peter Bressel (re.) wird die Preise erhöhen müssen.

 

Doch die Lohnsteigerung komplett an den Käufer weiterzugeben, sei unrealistisch, weiß Schumacher, die Landwirte müssten an anderer Stelle Kosten sparen: „Wir gehen davon aus, dass die Bauern ihre Flächen reduzieren werden.“ Ein Schritt, den auch Bressel für seinen 100 Hektar großen Betrieb in Erwägung zieht.

 

„Mein Junge hat Obstbauer gelernt“, erzählt der 54-Jährige, „doch bei den ganzen Entwicklungen ist er sich nicht mehr sicher, ob er den Hof noch übernehmen will.“ Für Bressel steht fest: Der Mindestlohn ist das Ende für die deutschen Sonderkulturbetriebe, wie den Obst- oder Spargelanbau.

 

Denn die haben noch ein weiteres Problem: Die Beschränkung der Arbeitszeit auf maximal zehn Stunden am Tag, bei einem freien Tag die Woche. Wie das in diesem Jahr funktionieren soll, weiß der Inhaber des Familienbetriebs noch nicht. Den Spargel schießen und die Erdbeeren verkommen lassen, weil keine Arbeiter zum Ernten da sind?

 

Zum Ausgleich mehr Arbeiter aus Rumänien und Polen kommen zu lassen, ist für ihn keine Option. Zur Spitzenzeit arbeiten auf seinen Feldern rund 100 Erntehelfer, die jährlich zwei bis drei Tonnen Spargel aus der Erde holen – für mehr Arbeiter sind keine Unterkünfte da.

 

Schon jetzt belegen die Rumänen und Polen einen ganzen Trakt mit großem Aufenthaltsraum, einer voll ausgestatteten Küche und hellen Doppel-, Vierbett- und Sechsbettzimmern. Für das Stammpersonal gibt es auch Einzelzimmer. Nachdem er vor vier Jahren von Bahlingen am Kaiserstuhl auf den Forchheimer Hof gezogen ist, hat Bressel das alles ausgebaut – dementsprechend neu und gepflegt sehen die Räume aus. Dass das nicht bei allen Bauern der Region Usus ist, weiß der Kaiserstühler jedoch auch – ohne Namen nennen zu wollen, erzählt er von engen Baracken, in denen wegen fehlender Waschmaschinen die Arbeiter ihre Klamotten noch von Hand waschen müssen.

 

Von den Unterkünften geht es über den Hof zu den Kühlräumen. Hier wird in wenigen Stunden emsige Betriebsamkeit herrschen, wenn die Spargel gewaschen und sortiert werden. Am Mittag sollen die eben noch gestochenen Stangen schon auf den Verkaufsständen liegen.

 

Nur der verunglückte Bruchspargel wird nicht verkauft – er dient als Abendessen für Bressels Säue. „Der viele Spargel ist eine richtige Entschlackungskur für die Schweine“, erzählt der Landwirt schmunzelnd. „Die specken in der Spargelzeit ordentlich ab.“ Schließlich ist Spargel nicht nur eine Delikatesse, sondern auch gesund – so lange man es mit der Sauce Hollandaise und den Kratzete nicht übertreibt.

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: © tbr