Jan Patrick Helmchen ist einer von 94 Jugendoffizieren in Deutschland. Als solcher hält er vor Schulklassen Vorträge zu sicherheitspolitischen Themen und gestaltet Unterrichtseinheiten zur Rolle der Bundeswehr in der Politik. Seit März hat der 27-jährige Diplom-Politologe sein Einsatzgebiet im wenig militärischen Freiburg. „Seit ich hier bin, ernte ich viele kritische Blicke“, sagt er. Günter Forst von der Deutschen Friedensgesellschaft ist Kriegsgegner. Der 83-Jährige war selbst einst Lehrer für Mathe und Physik im Rheinland. Heute lebt der bekennende Pazifist in Emmendingen. chilli-Redakteur Felix Holm hat die beiden an einen Tisch gebracht und zur Diskussion angeregt.

chilli: Hat die Bundeswehr mit Vorurteilen zu kämpfen?
Helmchen: Ja, andauernd. Nicht zuletzt deswegen gibt es mich ja in meiner Funktion als Jugendoffizier.

chilli: Welcher Art von Vorurteilen begegnen Sie denn?
Helmchen: Ich versuche es mal positiv zu formulieren: Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, sind die oft sehr erstaunt. „Du bist Soldat? Das hatte ich mir anders vorgestellt.“ Ich glaube, das Bild in den Köpfen ist eine „Kampfmaschine“, die, sobald sie eine Uniform trägt, aufhört, ein Mensch zu sein.


chilli: Was sagen Sie zu den Jugendoffizieren, Herr Forst?
Forst: Wenn die Schule zur Podiumsdiskussion mit vorgegebenem Thema einen Jugendoffizier einlädt, ist das in Ordnung. Nicht in Ordnung ist der Jugendoffizier in den Studienseminaren. Referendare sind vom zukünftigen Dienstherrn abhängig. Das darf die Bundeswehr nicht ausnutzen. Neu ist zudem, dass es diese Kooperationsvereinbarungen zwischen der Bundeswehr und dem Kultusministerium gibt. Ich habe den Verdacht, dass das Ministerium den Soldaten freie Rede verschaffen will.
Helmchen: Ich muss mich dagegen wehren. Was wir tun, ist nicht undemokratisch. Zudem sind die von Ihnen angesprochenen Kooperationsvereinbarungen für uns Jugendoffiziere überhaupt kein Thema. Wir sind unabhängig davon überzeugt von dem, was wir in den Schulen erzählen.
Forst: Diese Kooperationsverträge sind ohne die Beteiligung der Lehrer zustande gekommen. Und das schmeckt mir überhaupt nicht. Es gibt eine Bundeszentrale für politische Bildung. Und ein Lehrer kann sich da hinwenden und bekommt Material geschickt. Warum muss das die Bundeswehr machen?
Helmchen: Aber wir kooperieren doch mit der Bundeszentrale für politische Bildung beziehungsweise mit deren Arbeitsgemeinschaft „Staat und Gesellschaft“. Die passen auf den Seminarfahrten, die wir machen, sozusagen auf uns auf.
Forst: Aber warum muss Wissensvermittlung von Uniformträgern kommen? Das lehnt ein Pazifist wie ich ab.
Helmchen: An erster Stelle steht für mich, Interesse an Politik zu wecken. An zweiter Stelle die Vermittlung von Inhalten der Lehrpläne in Absprache mit den Lehrern. Sie können gerne einmal mitkommen, am Ende des Unterrichts sage ich: „Bildet euch eine eigene Meinung zu dem Thema.“

chilli: Aber wecken Sie mit ihrem Auftreten nicht in erster Linie Interesse für die Bundeswehr und erfüllen damit auch die Funktion eines Werbers?
Helmchen: Ich sehe mich so nicht. Wenn ich da hingehe, und die Schüler vorher ein schlechtes Bild von einem Soldaten hatten und jetzt davon überrascht sind, dass ich menschlich und auch kritisch bin, kann es sein, dass die ein positiveres Bild haben als vorher. Herr Forst, sind Sie der Meinung, ich solle nicht in die Schule gehen?
Forst: Nein. Ich will aber wissen, wie Sie auf Schülerfragen reagieren. Ich behaupte, dass Sie da nicht Ihre eigene Meinung vertreten, sondern die Funktion haben, Vorbehalte gegen die weltweiten Eingriffe der Bundeswehr abzubauen.
Helmchen: Ihnen wäre es also lieber, dass die Schüler sich mit Themen wie Militär, Bundeswehr und uniformierten Menschen gar nicht auseinandersetzen?
Forst: Nein. Aber ich denke, dass jeder Lehrer seine pädagogische Freiheit nutzen und seine Schüler auf alles, was im Leben wichtig ist, vorbereiten sollte. Und dabei soll er sich weder an der Meinung seines Schulleiters noch an der eines Ministers orientieren.
Helmchen: Es ist definitiv so, dass der Jugendoffizier ein Instrument ist, die Bundeswehr präsent in der Fläche zu haben. Das finde ich aber auch gut. Das ist ein sensibles Gebiet, und man kann doch wenigstens einmal im Leben darüber nachdenken, ob man es gut findet, dass es das Militär gibt oder nicht. Klar kann der Lehrer das auch selber initiieren. Aber die Lehrer nutzen im Rahmen ihrer pädagogischen Freiheit und unabhängig von Kooperationen eben auch gerne unser Angebot.
Forst: Wenn der Lehrer es macht, ist es ergebnisoffen. Wenn Sie es machen, weiß jeder, welches Ergebnis sie haben wollen.
Helmchen: Natürlich ist ein gewisser Sachteil da. Aber die Lehrer möchten bestimmte Themen des Lehrplans wie etwa „Deutschlands Rolle in UNO und NATO“ eben auch angesprochen haben. Und für mich ist die anschließende Diskussion ohnehin interessanter. Und je kritischer die Fragen, desto spannender wird es dann auch.
Forst: Und warum gibt es jetzt diese verflixten Kooperationsverabredungen?
Helmchen: Das ist eine gute Frage. Für mich und meine Arbeit ist das jedenfalls unerheblich.

Fotos: Felix Holm