Lange Jahre war Theo Koll Auslandskorrespondent fürs ZDF in London. Und die politische Kultur, die er dort kennenlernte, hat den vielleicht stilsichersten Polit-Journalisten des deutschen Fernsehens offenbar nachhaltig beeindruckt. Am Donnerstag, 15. August, 22.15 Uhr, lädt der Leiter der ZDF-Hauptstadtredaktion „Politik und Zeitgeschehen“ erstmals (nach einer vorangegangenen Pilotfolge bei 3sat) zur „Debatte“. Klar und kontrovers soll’s dabei zugehen, nach fest definierten Spielregeln und Redezeiten. Kennen- und schätzengelernt hat Koll, der auch das ZDF-„Auslandsjournal“ moderiert, das Konzept – natürlich – auf der Insel, bei der BBC. Im Angesicht der nahenden Bundestagswahl am 22. September macht sich der erfahrene Journalist aber auch Gedanken, wie man die Jugend für politische TV-Sendungen interessiert.

Theo Koll
chilli: Herr Koll, sind Wahlkampfzeiten für den Leiter der ZDF-Politikredaktion Stresszeiten?
Theo Koll: Wir können uns nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Aber das ist ok, schließlich geht es um das Hochamt der Demokratie. Wir bieten deshalb auch relativ viel in verschiedenen Formaten an.

chilli: Wo es schon so viele Polit-Talks im deutschen Fernsehen gibt: Warum braucht es noch „Die Debatte“?
Koll: Es ist keine klassische Talksendung, sondern ein Format, das ich aus der BBC kenne und das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man sich gegenseitig ausreden lässt. Wo gibt es das schon? Schon zu Beginn bekommen je zwei Vertreter beider Seiten jeweils genau vier Minuten, um zu erklären, warum sie eine bestimmte Position vertreten. In unserer kurzatmigen Zeit ist das purer Luxus.

chilli: Kommt das Ausredenlassen in anderen politischen Talk-Formaten zu kurz?
Koll: Die etablierten Talkshows sind zumindest nicht davon geprägt, dass man sich mal vier Minuten Zeit nimmt für Grundsatzpositionen. Bei uns geschieht das in jeder Sendung. Danach folgt dann die inhaltliche Debatte, in die sich die Zuschauer per Twitter, Facebook und E-Mail direkt einbringen können. Sie stimmen eingangs und am Ende ab, um zu sehen, welche Seite am besten und geschicktesten argumentiert hat. Das gute Argument soll zur Geltung kommen.

chilli: „Die Alten leben auf Kosten der Jungen“ heißt das Thema der ersten Sendung. Provokante These …
Koll: Genau. Das soll zu kräftigen Farben und zu klaren Positionen stimulieren. Wir haben auf der einen Seite Heiner Geißler und Kurt Beck gewinnen können, die diese Position ablehnen. Eine der Angreiferinnen ist Frau Nocun von der Piratenpartei, die die These in der Tat so formuliert.

chilli: Sie sagen, Sie kennen das Format aus der BBC. Was für eine Art der politischen Kultur haben Sie während Ihrer Zeit als Auslandskorrespondent in London kennengelernt?
Koll: Klare, deutliche Worte. Dinge auf den Punkt bringen. Die Briten formulieren Subjekt, Prädikat, Objekt.

chilli: Eine Frage der Grammatik also?
Koll: Die Briten scherzen, dass man bei den Deutschen erst am Ende des Satzes die Aussage versteht. Dies hindere uns daran, klare Debatten zu entwickeln. Aber im Ernst: Die Rhetorik hat in Großbritannien einen anderen Stellenwert. Bei uns gilt: Eine gute Rhetorik ist positiv, aber wenn sie fehlt, ist es nicht weiter schlimm. In Großbritannien hingegen müssen sie ein guter Rhetoriker sein – und im Parlament allemal. Da gilt es als Makel, wenn sie langweilig reden

chilli: Wie wird diese Kultur gepflegt?
Koll: Die Briten schulen das rhetorische Geschick früh in den Universitäten, in den „debating clubs“. Auch das Parlament ist klar auf Konfrontation ausgerichtet: Man sitzt sich gegenüber, es gibt Rede und Gegenrede. Nach einer scheinbar höflichen Formulierung – „with all due respect“ – wird dann rhetorisch gnadenlos zugeschlagen. Bei den journalistischen Kollegen verhält es sich ähnlich, sie fragen sehr deutlich nach.

chilli: Dann haben die Jahre in London Ihr journalistisches Selbstverständnis geprägt?
Koll: Wenn ich das für mich reklamieren dürfte, wäre es wunderbar. Das möchte ich mir aber nicht anmaßen. Ich habe lange Jahre „Frontal 21“ moderiert und mitgeleitet. Auch da ging es um eine kritische, investigative Haltung, die konfrontativ ist, aber ohne Schaum vor dem Mund.

chilli: In Deutschland beackert seit Kurzem auch Stefan Raab bei ProSieben das Feld der Polit-Talks. Auch da wird abgestimmt über die besten Argumente. Ist die Sendung in Ihren Augen eine Bereicherung?
Koll: Ich habe die Sendung nur einmal gesehen. Das reicht nicht, um sich ein abschließendes Urteil zu bilden. Es ist aber sicherlich ein Unterschied, ob eine Sendung den Sieger eines politischen Schlagabtauschs kürt oder den Gewinner eines Jackpots.

Theo Koll
chilli: Was halten Sie denn davon, dass Stefan Raab beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten dabei ist?
Koll: Peter Frey hat sich dazu bereits geäußert. Ich komme zu keinen anderen Schlüssen als der ZDF-Chefredakteur.

chilli: Stefan Raab hat zum Ziel, junge Menschen für Politik zu interessieren. Das immerhin ist ja kein falscher Gedanke …
Koll: Der Gedanke ist absolut berechtigt. Vor dem Hintergrund der abnehmenden Wahlbeteiligung ist das sogar ein extrem wichtiger Punkt. Wir waren gerade mit dem „Auslandsjournal“ in Brasilien, um über die dortigen Straßenproteste zu berichten. Man sah dort ganz klar: Es gibt ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein bei der Jugend, als viele glaubten. Es äußert sich anders, es vernetzt sich anders, bringt sich anders ein. Man muss es nur erreichen können. Das ist für die etablierten Strukturen nicht ganz leicht.

chilli: Was also tun?
Koll: Bei der „Debatte“ haben wir eine Twitter-Kurve, die live während der Ausstrahlung nachzeichnet, wie die Sendung wahrgenommen wird. Wir zeigen Word-Cloud-Bilder der einzelnen Redner, um zu sehen: Wo sind die begrifflichen Schwerpunkte? Hinzu kommen Facebook und Twitter, die dazu einladen, sich zu beteiligen. Am Freitag vor der Wahl setzt das ZDF noch einmal einen Akzent für junge Wähler und potenzielle Nichtwähler und holt die interaktive Sendung „log in“ ins Hauptprogramm.

chilli: Ohne multimediale Angebote geht es nicht mehr im Fernsehen?
Koll: Alles andere finde ich nicht mehr angemessen. Die jüngeren Menschen sind im Netz anders unterwegs, machen verschiedene Dinge parallel. Natürlich muss man darauf eingehen. Auch in der Hinsicht hat mich das Beispiel Brasilien beeindruckt: die Demokratisierung unserer Demokratie durch das Internet. Das ist ein zusätzliches Element des unmittelbaren Sich-Einbringens. Das ist eine große Herausforderung für unsere Politik. Ich glaube, das wird noch auf uns zurollen.

chilli: Meinen Sie?
Koll: Aktuell erleben wir es noch mit räumlichem Abstand. Ägypten, Brasilien, die Türkei. Natürlich haben wir in Deutschland nicht dieses Maß an gesellschaftlichem und sozialem Unmut. Ich glaube aber, dass durch die Vernetzung und die Sozialen Netzwerke das Sich-Einbringen so stark erleichtert ist, dass es auch hierzulande einen Wandel geben wird. Ich wäre nicht überrascht, wenn sich die Politik in naher Zukunft sehr viel stärker damit auseinander setzen müsste. Sie wird diese Form der Beteiligung in politische Entscheidungsprozesse einspeisen müssen.

chilli: Wird das Fernsehen im Angesicht der medialen Revolution zunehmend irrelevant?
Koll: Keineswegs. Es gibt eine kleine Anekdote, die über Albert Einstein erzählt wird: Einstein soll seiner Sekretärin die Fragen für die Semesterabschlussprüfung gegeben haben, worauf die Sekretärin entgegnete: „Aber Herr Professor, das sind doch die Fragen vom letzten Jahr!“ Darauf Einstein: „Die Fragen sind dieselben, aber die Antworten haben sich geändert.“ So geht es auch dem Fernsehen. Der Inhalt ist das gleichbleibend Relevante, das wir als Journalisten zu vermitteln haben. Aber wir müssen zusehen, dass wir neue Wege der Vermittlung finden.

Text: Jens Szameit / Fotos: ZDF / Kerstin Bänsch
Quelle: teleschau – der mediendienst