Er wollte sich einen Traum erfüllen – und landete im Albtraum: Mario Glowatzki ist einer von bundesweit mehr als 1000 Häuslebauern, die durch die mutmaßlich betrügerische Pleite der schleswig-holsteinischen IBG Unternehmensgruppe in eine äußerst prekäre Lebenslage gestürzt worden sind. Überall im Land stehen halb fertige Bauruinen der IBG-Haus herum. Allein die Staufener Baurechtsspezialisten-Kanzlei Steiger, Schill und Kollegen hat gut zwei Dutzend Geprellte in ihrer Mandantschaft. Der Schaden beläuft sich auf rund 50 Millionen Euro.

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Die Büdelsdorfer IBG, gegründet 1994, war eine der führenden deutschen Anbieter von Fertighäusern. Seit November steht sie unter Insolvenzverwaltung. Die Staatsanwaltschaft in Kiel ermittelt gegen die IBG-Chefs wegen des Verdachts auf Betrug, Steuerhinterziehung und Insolvenzverschleppung. Büros und Privaträume der Verantwortlichen wurden durchsucht. Mehrere – darunter zwei Geschäftsführer der IBG und ein Steuerberater – wanderten in die Untersuchungshaft. Nach Angaben des NDR bestehe etwa der dringende Verdacht, dass die Beschuldigten zwei Millionen Euro an eine zweite eigene Firma gezahlt hätten, ohne dass diese eine Gegenleistung erbracht habe. Ein Mitarbeiter seiner finanzierenden Bank soll sich nach Glowatzkis Angaben wegen der Schicksalsschläge seiner Kunden das Leben genommen haben.

Im Neubaugebiet an der Seilerstraße im Bad Krozinger Ortsteil Tunsel erfüllen sich junge Familien den Traum von den eigenen vier Wänden. Oder sie sitzen wie Glowatzki im halb fertigen Wohnzimmer seines 121-Quadratmeter-Hauses und berichten von einem der schlimmsten Skandale im der deutschen Fertighausbaubranche. Im ersten Stock hört man seinen Schwiegervater werkeln, hier unten erzählt der weiß gekleidete Bäckermeister davon, dass er anstatt in den eigenen vier Wänden seit nunmehr fast einem Jahr mit seiner vierköpfigen Familie auf einem Campingplatz in Kirchzarten lebt.

Der 43-jährige Familienvater hatte sich für 94.000 Euro ein 500 Quadratmeter großes Grundstück gekauft und dann einen günstigen Bauanbieter gesucht. IBG machte ihm eine Angebot, das er nicht ausschlagen konnte: Für 136.000 Euro wollten sie sein Haus samt Wärmepumpe und Fußbodenheizung, Außendämmung und Fliesen errichten. Glowatzki schlug ein – und beging damit wohl den Fehler seines Lebens. „Eigentlich hätte ich bei diesem Angebot stutzig werden müssen – das war viel zu billig für ein frei stehendes Haus“, räumt er heute kopfschüttelnd ein, „aber es war einfach zu verlockend, für ein Haus so viel zu zahlen, wie man normalerweise für die Miete aufbringen muss.“ 900 Euro – so viel hätte ihn das Abstottern der Kredite in den kommenden Jahren gekostet. Im November 2011 sollte es losgehen. Das „Hätte-sein-sollen“ wurde aber zum „Hat-nicht-sollen-sein“: „Wir sind immer wieder vertröstet worden, bis die am 17. April 2012 endlich mit der Bodenplatte angefangen haben“, erzählt Glowatzki. Der Grund für die Verzögerungen ist nach seiner Einschätzung in einem Schneeballsystem zu suchen, mit dem sich die IBG-Macher an ihren Kunden bereichert hätten: „Die ersten Häuser haben die noch fertig gebaut. Mit dem Geld von Neukunden sind die alten bezahlt worden. Wir waren halt am Ende der Fahnenstange – bei uns hat das Geld nur noch für den Rohbau und den Dachstuhl gereicht.“

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Am Ende der Fahnenstange sind die Glowatzkis nicht allein, da sind noch ein paar Hundert andere in der ganzen Republik. Von der Finanzierungsstruktur der IBG war auch der Insolvenzverwalter Reinhold Schmid-Berger überrascht. Die IBG habe ihre Bauvorhaben nicht oder kaum über Bankkredite finanziert, sondern über die Bauherren. „IBG hat Verträge gemacht, bei denen am Anfang sehr hohe Leistungen zu erbringen waren. Die Leute haben sehr viel gezahlt. In der Regel für eine Schubladenplanung bereits 10.000 bis 20.000 Euro, die nur einen Bruchteil davon wert war“, sagte Peter Mauel vom Bauherrenschutzbund dem WDR.

Die Verträge zwischen der IBG und den Häuslebauern sind nicht nach den Prinzipien der die Käufer schützenden Makler- und Bauträgerverordnung (MaBV) geschlossen worden. „Die Bauherren haben sich aber auch nicht anwaltlich beraten lassen, denn dann wäre es sicher nicht zu diesen Schicksalsschlägen gekommen“, sagt Nina Wolber von der Staufener Kanzlei, die rund 25 betroffene Bauherren vertritt – in Denzlingen, in Emmendingen, in Vörstetten oder in Breisach. „Die Leute stehen vor dem Ruin, da haben welche 100.000 Euro bezahlt für einen gebauten Wert von vielleicht 30.000 Euro“, erzählt Wolbers Kollege Nicolas Schill.

Die MaBV regelt, wie viel die Käufer bei welchem Baufortschritt dem Bauträger überweisen müssen – hier sind Leistung und Gegenleistung in der Waage. Bei IBG funktionierte das Spiel anders: Die Schleswig-Holsteiner sammelten immer viel mehr Geld ein, als das, was auf der Baustelle entstand, wert war. Zudem fehlte eine – vom Gesetzgeber vorgesehene – Fertigstellungsbürgschaft. Viele Bauherren hatten eine solche immer wieder angemahnt. Sie wurden vertröstet. „Jeder Kunde ist berechtigt, so lange fünf Prozent der Vertragssumme einzubehalten, bis der Bau von allen Mängeln beseitigt fertig ist“, sagt Wolber.

Glowatzkis Baustelle stand schon kurz nach dem Gießen der Bodenplatte von Mai bis September gleich wieder still. Die IBG hatte bei ungezählten Aufträgen die Handwerker nicht bezahlt. Die arbeiten in solchen Fällen dann lieber woanders weiter. „Am Anfang haben wir immer noch Entschädigungszahlungen bekommen – pro Woche Bauverzögerung 150 Euro. Ab Juni ist dann nichts mehr bezahlt worden“, beschreibt der Geprellte den Moment, als ihm dämmerte, dass etwas nicht ganz richtig läuft. „Wir hatten schon gehört, dass die nicht ganz gut dastehen und dann dachte ich mir: Jetzt wird’s gefährlich.“

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Durch Zufall erfährt Glowatzki von einer weiteren IBG-Baustelle in Biengen. Dort hatte sich der Bauherr inzwischen Hilfe bei einer anderen Baufirma geholt und lässt das Haus nun unter anderer Aufsicht fertig stellen. Glowatzki ging zur Kanzlei Steiger, Schill und Kollegen. Die erstritt erst, dass ihr Mandant aus dem laufenden Vertrag mit IBG herauskam und dann immerhin eine Baubürgschaft in Höhe von knapp fünf Prozent des Gesamtpreises: 7000 Euro. Mehr wird Glowatzki von seinem bereits investierten Geld wohl nicht wiedersehen. Der Bäckermeister kann und will sich einen weiteren Prozess mit unsicherem Ausgang nicht leisten. Zwar ist die Dachgesellschaft, die IBG Holding GmbH, mit 525.000 Euro Stammkapital ordentlich ausgestattet. Die Töchter haben aber gerade mal ein Haftungskapital von 25.000 und genau mit diesen Töchtern – „den schlechtesten Gliedern in der Kette“ (Mauel) – haben die Häuslebauer ihre Verträge abgeschlossen, ohne sich in so einer wichtigen, wenn nicht einmaligen Angelegenheit juristische Hilfe zu holen. „Minimaler Aufwand für maximale Sicherheit“, sagt Wolber.

Damit Glowatzki sein Haus überhaupt fertig bauen kann, musste er jetzt neue Kredite über 80.000 Euro aufnehmen. Diese sind nicht zu 100 Prozent Bau-, sondern auch Konsumkredite, so hat sich die monatliche Abzahlung fast verdoppelt: 1700 Euro muss der Familienvater jetzt monatlich abstottern. „Das ist, wie wenn Sie aus Haslach in eine Jugendstil-Altbauwohnung in der Wiehre ziehen müssen“, bemüht der Mann einen Vergleich.

Glowatzki hat sich nicht unterkriegen lassen, hat seinen Humor nicht verloren – und wahrscheinlich deshalb auch seine Familie behalten. Obwohl die vier seit nunmehr einem Jahr ohne festes Dach über dem Kopf sind und in einem Campingwagen auf dem Zeltplatz in Kirchzarten leben, denn der geplante Einzugstermin in Bad Krozingen war im Mai 2012. „Wir haben uns erst einmal einen Sommercampingwagen gekauft“, lacht Glowatzki, „da war das ja noch okay, auch für die Kinder war das noch ein Abenteuer.“ Aber aus dem Abenteuer wurde irgendwann Alltag und aus dem Sommer- ein Wintercamper. Für noch einmal 10.000 Euro. Aber Glowatzki und die Seinen haben auch das weggesteckt: „Als Familie sind wir in der Zeit schon zusammengewachsen.“ Der hochaufgeschossene und körperlich imposante Mann, der sich selbst eigentlich als „eher emotional“ bezeichnet, hat die Ruhe bewahrt: „Wenn ich angefangen hätte, mich aufzuregen, wäre nichts mehr gegangen. Aber locker haben wir das trotzdem nicht genommen.“

Glowatzki wirkt gefasst, er lacht, schmunzelt, ist trotz des Tiefschlags positiv. Der Traum von den eigenen vier Wänden wird nun ein volles Jahr später wahr. Ob dauerhaft oder nicht, das kann er heute noch nicht sagen: „Wichtig ist uns gewesen, dass wir das Haus fertig bauen können. Wenn wir das aus irgendwelchen Gründen nicht mehr finanziert bekommen, können wir es wenigstens verkaufen und bleiben nicht auf einer Ruine sitzen.“ Der Werbeslogan der Schleswig-Holsteiner lautete übrigens: „IBG-Haus, Richtig gut gebaut.“

Text: Felix Holm & Lars Bargmann / Fotos: © fho, lassedesignen – Fotolia.com