Klaus W. Seilnacht über eine Attacke aus Luxemburg, die Toten Hosen
und ein Rekordjahr


Die weltweite Krise der Solarbranche hat auch die Freiburger Messegesellschaft, respektive deren 50-Prozent-Tochter Freiburg Management und Marketing International (FMMI) getroffen, die das Umsatzzugpferd Intersolar betreibt. Warum Messechef Klaus W. Seilnacht und Abteilungsleiter Daniel Strowitzki 2012 aller Voraussicht nach trotzdem wieder einmal einen Rekordumsatz buchen werden, das erzählten sie den chilli-Redakteuren Lars Bargmann und Felix Holm.

Der Mann mit dem Zigarillo: Klaus W. Seilnacht ist auf Joe Cocker gespannt.

 

chilli: Herr Seilnacht, die Kleingartensiedlung Hettlinger ist ein favorisierter Standort für ein neues Fußballstadion für den SC Freiburg. Was sagt der benachbarte Messechef dazu?
Seilnacht: Für den SC muss was gemacht werden, seine Werbeträgerschaft für Freiburg ist unbeschreiblich. Deshalb gibt es von uns volle Unterstützung. Bei der Standortfrage ist aus unserer Sicht jedoch entscheidend, dass auch die verkehrliche Infrastruktur dafür geschaffen werden kann. Mit der heutigen Situation wären die Messe und ein Stadion in direkter Nachbarschaft kaum kollisionsfrei möglich. An Spieltagen würden wir daher mit schlechteren Besucherzahlen rechnen. Allerdings könnte es etwa bei Kongressen Synergien geben, wenn das Stadion dafür Räumlichkeiten haben würde, die wir unseren Kunden anbieten können.

chilli: Unweit wird auch zwischen Möbel Lutz und Möbel Braun über ein neues Eisstadion diskutiert …
Seilnacht: Das sehen wir nicht als Problem.

chilli: Gehen wir recht in der Annahme, dass 2012 erneut ein Rekordjahr wird? Immerhin gab es heuer die Interbrush, die wegen des Innovationszyklus nur alle vier Jahre hier Halt macht.
Seilnacht: Da gehen Sie recht, wir erwarten nach dem 2011er Rekord mit gut 29 Millionen Euro jetzt einen Umsatz mit über 30 Millionen. Die Interbrush kam da gerade recht …

chilli: … weil die Intersolar erstmals Federn lassen musste?
Seilnacht: Die Probleme der Solarbranche spiegelten sich auch auf der Intersolar wider. 2011 hatten wir in München 2268 Aussteller auf 169.000 Quadratmetern, jetzt keine 1900 auf 152.000. Das ist monetär spürbar.

chilli: Wie viel haben Sie 2012 mit der Intersolar insgesamt, also auch in Nordamerika, in Indien und Brasilien, umgesetzt?
Seilnacht: Zu den Umsätzen einzelner Messen sagen wir nichts.

chilli: Ihr Geschäftsführer-Kollege Bernd Dallmann sagt, allein in San Francisco machen Sie 4,5 Millionen Euro Umsatz …
Seilnacht: Ich kann so viel sagen, dass die ausländischen Messen insgesamt mehr als 5 Millionen umsetzen.

chilli: Die Intersolar macht mehr als die Hälfte des Umsatzes aus, ist es richtig, dass nur ein Sechstel überhaupt noch in Freiburg umgesetzt wird?
Seilnacht (lacht): Jetzt wollen Sie mich einkreisen. Ich kann Ihnen sagen, dass wir auch ohne die Intersolar unseren Umsatz in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben.

chilli: Wie sieht es in Peking aus, wo Sie bei der Premiere 2011 rund 11.000 Besucher hatten.
Seilnacht: Dort machen wir in diesem Dezember nur eine Konferenz. Auch China hat es getroffen. 2013, spätestens 2014 wird die Messe jedoch wieder stattfinden.

chilli: Und in Indien? Da hatten sie im vergangenen Jahr 250 Aussteller auf 13.000 Quadratmetern.
Strowitzki: Die Messe 2011 war sehr gut. In diesem Jahr fand zeitgleich nur zwei Flugstunden entfernt auch eine solar-lastige Messe statt, deswegen ist die Zahl der Aussteller sowie die der Besucher leicht gesunken. Wir sind aber sehr optimistisch für 2013, weil dann zeitgleich keine vergleichbare Messe ist.

chilli: Köcheln die weiteren Expansionspläne in Afrika, Brasilien oder im Nahen Osten erst einmal auf kleinerer Flamme?
Seilnacht: Nein, wir waren in diesem Jahr in Brasilien mit einer ersten kleinen Konferenz, da machen wir im kommenden September unsere erste Messe. Die anderen Märkte bleiben unter Beobachtung.

chilli: Ist es richtig, dass Luxemburg den Freiburgern die Interbrush mal wegschnappen wollte und dabei Schiffbruch erlitten hat, auch weil der jüngst mit dem Entrepreneur-Preis der FWTM ausgezeichnete Todtnauer Bürsten(maschinen- ) hersteller Zahoransky eine entscheidende Rolle spielte?
Seilnacht: Da haben Sie absolut recht. Eine Weltleitmesse weckt Begehren. Die Luxemburger haben 2000 eine Brush-Expo gestartet. Wir haben direkt danach Gespräche mit Branchenvertretern begonnen, die Branche wollte nur eine Messe. 2001 kam es zu finalen Gesprächen mit den wichtigsten Verbänden der Welt im neutralen Zürich, die bis tief in die Nacht gingen. Die Verbände wurden besser miteinbezogen und Heinz Zahoransky war telefonisch zugeschaltet, sein Ja-Wort war am Ende viel wert.

chilli: 2012 war auch das Jahr der Ausweitung der Plaza-Culinaria-Zone. Ist es richtig, dass es Roland Burtsches Idee war, die Rothaus-Arena hinzuzunehmen, wie er bei der Pressekonferenz erklärte?
Seilnacht: Dass er eine Erweiterung wollte, ist richtig. Aber wir wollten das schon seit mindestens zwei Jahren. Es war einfach zu eng und ungemütlich geworden. Wir brauchten jedoch auch ein qualitatives Nachfrageangebot, das wir 2011 noch nicht so hatten. 2012 konnten wir aber um 15 Prozent auf 314 Aussteller zulegen. Das war die Entscheidung für die Arena.

chilli: Wie viel trägt die Plaza zum Umsatz bei?
Seilnacht: Das liegt im einstelligen Prozentbereich.

chilli: Wie zufrieden waren Sie mit der Premiere der Ingenieursmesse Econstra?
Seilnacht: Wir waren mit dem 700-köpfigen Fachpublikum bei der Konferenz sehr zufrieden, ebenfalls mit der Zahl von über 150 Ausstellern, mit den insgesamt 1700 Besuchern nicht. Wir hatten insgesamt mit 2500 gerechnet. Die Econstra soll alle zwei Jahre stattfinden, auch 2014 werden wir sie wie geplant finanziell noch anschieben müssen.

Daniel Strowitzki: Freut sich auf die Toten Hosen unter freiem Himmel.

 

chilli: Was wird das kulturelle Highlight 2013?
Strowitzki: Die Toten Hosen Open-Air.
Seilnacht: Ich bin als etwas älteres Semester auch glücklich, wenn im April Joe Cocker kommt.
Strowitzki: Ende des Jahres werden wir dann comedy-geprägt sein, weil Mario Barth und Michael Mittermeier kommen. Und wir haben jetzt schon drei Fernsehproduktionen mit Verstehen Sie Spaß und zwei Mal der Show der Naturwunder.

chilli: Was zählte zu den schönsten Momenten 2012?
Strowitzki: Sehr schön war der Deutsche Werkstättentag mit 2500 Teilnehmern, weil die Stadt Freiburg beweisen konnte, dass man solche Kongresse mit dem Konzerthaus und der Messe stemmen kann.
Seilnacht: Auch so ein Highlight war die 42. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie. Die Verantwortlichen waren so begeistert, dass auch die nächsten drei Tagungen in Freiburg stattfinden werden. Das bringt uns auch ins Gespräch für andere Kongresse.

chilli: Was waren die Enttäuschungen 2012?
Seilnacht: Als vorwärtsstrebende Menschen sind wir nicht happy, wenn die bisher immer stark wachsende Intersolar nun plötzlich marktbedingt kleiner wird, auch wenn sie die weltweit größte Solarmesse bleibt. Und der geringer als erwartete Besucherzuspruch bei der Econstra war für uns auch nicht zufriedenstellend. Wir wissen aber, wo wir das anpacken müssen.

chilli: Herr Seilnacht, Herr Strowitzki, danke für dieses Gespräch.

Text: Lars Bargmann & Felix Holm / Fotos: Felix Holm