Dublin im Juni 2014: Es ist warm, das Zentralgestirn brennt auf die Stadt herunter, der Sightseeing-Bus stoppt an einer Wohnanlage unweit der Heuston Station: „Hier stehen dutzendweise teure Appartements leer. Die EU hat Irland jetzt ein Ultimatum gestellt, wie sie das fair den Käufern und den Banken gegenüber lösen will“, sagt die Reiseleiterin. Die Nachwehen des Wirtschaftsbooms sind in der irischen Metropole nicht nur an dieser Stelle zu bestaunen.

 

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Die Zeiten des Celtic Tiger – so wurde Irland etwas martialisch genannt, weil das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1995 und 2007 jedes Jahr durchschnittlich um sechs Prozent wuchs und die Staatsverschuldung sich gleichzeitig von 90 auf 50 Prozent fast halbierte – sind lange vorbei. Ein paar unfertige Bürotempel an der Liffey zeugen vom abrupten Ende des „Wirtschaftswunders“, das indes wenig wunderlich war, weil die Regierung die Unternehmenssteuer von 40 auf 12 Prozent gesenkt hatte und damit zielsicher die globalen Konzerne anzog. Vor allem für sie wurden die Docklands-Areale Dublin Docklands und Spencer Dock großflächig entwickelt, hier reckten sich neue Glasbauten empor, dort wurden alte Hafengebäude schick revitalisiert.

 

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Wegen der niedrigen Zinsen und der damals völlig fehlenden Regulierung der Banken investierten ab Mitte der 90er Jahre zunehmend auch Private in Immobilien. Zwischen 1996 und 2006 verdreifachte sich in Irland die Zahl neuer Wohnungshäuser auf 93.000 Einheiten jährlich. Irland wurde eines der Länder mit den höchsten Eigentumsquoten weltweit. Der Dampf im Immobilienkessel führte aber bald zu einer Blase. Das laute Brüllen des Tigers – „niemand war davon mehr überrascht als die Dubliner“, wie die Reiseleiterin spöttisch erzählte – wurde zu einem Schluchzen, die Immobilienpreise fielen allein 2009 um 20 Prozent, viele Haushalte sind überschuldet.

 

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In der Euphorie hatten die Banken jungen Leuten, die finanziell kaum abgesichert sind, vor allem in Dublin horrende Preise für neue Wohnungen finanziert, die heute vielleicht noch die Hälfte wert sind. Irgendwann brauchten sie dann den Rettungsschirm der EU, gründeten eine staatliche Bad Bank (mit 81 Milliarden Euro Miese), mussten Unternehmen mit Garantien oder Kapital am Leben halten. Nach Angaben des Bankenverbands war das Volumen der bewilligten Immobilienkredite in Irland in den ersten sechs Monaten von 2012 auf 950 Millionen Euro gefallen. Im Jahr 2006 waren es im gleichen Zeitraum 18,5 Milliarden Euro gewesen.

 

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Am Ende war das Brüllen des Celtic Tigers viel zu wenig auf die eigene Wirtschaftsleitung, sondern auf die Investitionen aus dem Ausland gegründet – vor allem aus den USA, die Irland als Standort für größere Exportabsätze interpretiert hatten. Wegen der immer noch niedrigen Steuern liest man beim Stadtrundgang an den Häusern auch heute alle möglichen Player: Google, Microsoft, Facebook, Paypal, Zynga und Yahoo! haben hier ihre European Headquarters. Nach einer Studie von PWC, die standesgemäß natürlich direkt an der Liffey residieren, die die Stadt in Northside und Southside teilt, war Dublin 2011 nach Antwerpen der attraktivste Standort für Firmen-Hauptquartiere. Mit Ryanair hat etwa der führende Billigflieger Europas hier seinen Sitz. Es gibt also doch noch etwas mehr als nur Guinness, es geht wieder bergauf in Dublin.

 

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Die Besichtigung des Guinness Storehouse sei derweil uneingeschränkt empfohlen, auch für solche, die das frischeste Guinness der Welt nicht in Bewegung bringt. Denn die Gravity-Bar ist im Wortsinn sehenswert – die Aussicht auf die Stadt und die nahen Wicklow Mountains sind inklusive. Dublin ist aber auch Stadt der Literaten: Georg Bernard Shaw, Samuel Beckett und William Butler Yeats schrieben sich hier zu Nobelpreisen. Seit Beckett 1969 die höchste Auszeichnung gewann, zahlen übrigens Künstler, die auf der Insel leben, keine Steuern.

 

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James Joyce ließ hier seinen Ulysses-Helden Leopold Bloom – dem im Kneipenviertel Bar Temple (hingehen!) ein Hotel mit komplett bemalter Romanfassade gewidmet ist – durch die Gassen ziehen, auch Oscar Wilde (bei der Einreise in die USA: „Ich habe nichts zu verzollen außer meinem Genie.”) wirkte hier. Und es liegt auch heute noch ein sehr besonderes Werk in Dublin: Das Book of Kells, das nicht wenigen als das schönste Buch der Welt gilt und im Ende des 16. Jahrhunderts gegründeten Trinity College (so etwas wie die Trutzburg des Protestantismus im katholischen Irland) zu bestaunen ist.

 

Ebenso übrigens wie der spektakuläre Long Room samt Kuppeldach.  Sehen muss man auch das kleine St. Stephens Green, den riesigen Phoenix Park, das Kilmainham Gaol, das Dublin Castle inmitten der Stadt – im Schlossgarten befand sich einst der dunkle Teich (Dubh Linn), der Dublin seinen Namen gab – und natürlich die St. Patricks Cathedral, Irlands größtes, geschichtsträchtigstes Gotteshaus.

 

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Dublin ist aber auch die Stadt der Musik, in der es kaum eine Kneipe ohne Livemusik gibt. Es ist die Stadt von U2, Bono wohnt südlich im vornehmen Dalkey, direkt an der Liffey steht das Hotel The Clarence mit der coolen Octagon Bar, das Bono und sein Gitarrist The Edge vor gut 20 Jahren gekauft hatten. Wer Geld ausgeben möchte, ist in der O’Connell Street (nach Daniel O’Connell, der 1829 die Gleichberechtigung der Katholiken erstritt) oder der Grafton Street gut aufgehoben.

 

Was sich lohnt: Vom der Konzerthalle The O2 am Hafen einmal entlang der Liffey bis zur Heuston Station. Was schade ist: Der Hafen ist weder begeh-, noch erlebbar. Hinter den hohen Mauern gilt: Where the Streets Have No Name.

 

Text und Fotos: Lars Bargmann

 

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The way to fly

Zwischenzeitlich war er nicht mehr am EuroAirport Basel-Freiburg-Mulhouse, Europas führender Billigfluganbieter Ryanair.

Doch mit Beginn des Sommerflugplans Ende März kam er wieder und fliegt seither drei Mal wöchentlich auch die Metropole Dublin an.

Der aus der Region kürzeste Weg in die irische Hauptstadt geht seither über Basel. Ryanair – mit Firmenhauptsitz in Dublin – fliegt also dienstags, donnerstags und samstags in seine Heimat – die nur eine von mehr als 80 Destinationen ist, die mittlerweile vom EuroAirport aus anfliegbar sind. Info: www.euroairport.com