Eigentlich wollte er Rechtsanwalt werden. Das Studium hatte er fertig, nun hätte er noch zwei Praktika machen müssen. Aber es kam anders. Er war ja auch Trommler. Hatte das mittlerweile renommierte Top Secret Drum Corps mitgegründet. Hatte 2003 beim weltgrößten Tattoo-Festival in Edinburgh gespielt. Und fasste einen Entschluss: Aus dem designierten Rechtsbeistand wird ein dezidierter Festivalmacher. 2004 veranstaltete Erik Julliard das erste Yshalle Tattoo in Basel. Mit einem Budget von 380.000 Schweizer Franken. Ohne einen festen Mitarbeiter.

 

Das diesjährige Basel Tattoo hat einen Etat von 12,5 Millionen Franken. Und die Basel Tattoo Productions GmbH, an der er 70 Prozent hält und den Rest paritätisch Tomi Stauffer und Christoph Hagenbach,  hat heute 23 fest Angestellte. Ob er davon 2004 geträumt hat? „Niemand hätte sich das damals träumen lassen. Es brauchte aber auch Glück“, sagt Julliard in seinem Büro in der Glockengasse.

 

Das unternehmerische Wagnis lag 2006 darin, aus der Halle in die Kaserne zu ziehen. „Ich habe damals meine Deals so gemacht, dass ich alle Rechnungen erst sehr spät bezahlen musste. Wäre das kein Erfolg gewesen, hätten die Leute keine Karten gekauft, wären wir trotzdem mit einem blauen Auge davon gekommen“, sagt der noch im gleichen Jahr mit dem Basler Stern und 2010 dann mit Bürgerpreis Bebby-Bryys ausgezeichnete Unternehmer. Die Firmengründung sei keine schwierige, vielmehr eine coole Zeit gewesen, in der der damalige Single sich ausschließlich aufs Geschäft konzentrieren konnte, einen 15-Stunden-Tag an den nächsten hängte- und auch keine sofortigen Einnahmen brauchte. Ein Erfolgsmodell: Das Standort-Marketing Basel hat unlängst fürs Tattoo eine Wertschöpfung (vergleichbar der Umwegrentabilität) für die Stadt in Höhe von 25,5 Millionen Franken ermittelt.

 

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Von den 12,5 Millionen Etat entfallen drei auf die reine Produktion (Gagen, Unterkünfte für Künstler, je vier auf Operations (Technik und Infrastruktur in der Arena) und Administration (Personal, Raumkosten, Versicherungen, Lizenzen) eine aufs Marketing und eine stolze halbe Million wandert ans Schweizer Pendant zur Gema.

 

Über Gewinne möchte der Gesellschafter Julliard nicht groß reden. Nur so viel: „Sie sind klein, aber wir haben eine kleine Kriegskasse und noch nie eine rote Zahl produziert.“ Die Erlöse kommen zu 88 Prozent aus dem Verkauf der jährlich 120.000 Karten (von denen 100.000 meist in weniger als einer Woche den Besitzer wechseln), zu 10 Prozent von Sponsoren und zu 2 Prozent aus dem Merchandising, der Gastronomie oder Clubbeiträgen.

 

Schirmherr des Basel Tattoo ist übrigens das Eidgenössische Department für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport. Und beim Aufbau helfen dann tatsächlich auch Soldaten mit. Was das Festival dadurch spart, geht dann in eine Stiftung, die jährlich rund 200.000 Franken an karitative Einrichtungen ausschüttet.

 

Für Julliard ist der enorme Erfolg des Military&Brassmusikfestivals nur mit dem sehr speziellen Umfeld verbunden: einer sehr speziellen Location wie dem Kaserneninnenhof am Rhein, einer speziellen Mischung des Programms mit ernsten und lustigen Teilen, fremder und vertrauter Musik, ungewöhnlichen Showeinlagen, viel Humor und das Ganze dann noch unter freiem Himmel. Der Rezeptmeister dieses Gerichts ist Julliard. Der aber weiß, dass es ohne einen musikalischen Direktor, ohne Sound- und Lichtdesigner, ohne sein ganzes Team nicht geht. Um sich inspirieren zu lassen – und auch zu wissen, was eher nicht ins Basler Programm gehört -, bereist Julliard jährlich rund 20 Tattoos.

 

Noch weiter wachsen will der Festivalmacher nicht: „Wir haben jetzt eine ideale Größe, eine gute Balance im Budget, 500 freiwillige Helfer, wir fühlen uns sehr wohl“. Eine Sorge aber hat der Mann: Es gibt in Basel gerade Diskussionen um die Zukunft seines Spielorts, die Kaserne. Ausgang offen. Wenn Julliard nicht gerade über neuen Rezepten für neue Tattoos brütet, dann haut er selber abends mit verschiedenen Formationen auf die Trommel: „Ich bin immer noch ein leidenschaftlicher Musiker.“ Und wenn er Ruhe braucht, dann zieht es ihn in die Heimat seiner Großeltern an die schwedische Westküste. Dort ist er dann beides nicht: Kein Rechtsanwalt, kein Festivalmacher.

 

Text: Lars Bargmann