Für Martin Herrenknecht ist Tunnelbau ein Wettbewerb, den es zu gewinnen gilt

Er besiegelt Millionengeschäfte mit Wodka, wettert gegen Stuttgart-21-Gegner und lädt zu Geschäftsessen ins badische Gasthaus. Getrieben vom Wettbewerb kennt er, ebenso wie seine Bohrer, nur eine Richtung: vorwärts. Der Schwanauer Unternehmensgründer Martin Herrenknecht verliert nicht gerne und tut es auch nicht. Er ist der erfolgreichste Tunnelbauer der Welt, mit den größten Maschinen und einem Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro. Auf Einladung der studentischen Unternehmensberatung TriRhena erzählte der Schwanauer Unternehmensgründer in Freiburg unlängst, wie er es in 30 Jahren vom Ein-Mann-Betrieb zum Weltkonzern gebracht hat.

„Wer jetzt noch Grün wählt, den werfe ich raus.“ Sagte einst Martin Herrenknecht, der neulich im Freiburger Peterhof aus seinem Leben plauderte. Er endete so: „Was soll ich denn zu Hause? Meine Frau ärgern?“

 

Umgeben von Gestein, einige Meter unter der Erde – man könnte sagen, das ist die natürliche Umgebung von Martin Herrenknecht. Doch statt des Wummerns von Bohrköpfen, ist im langgestreckten Gewölbe des historischen Peterhofkellers ein erwartungsvolles Raunen zu hören, unterbrochen von gelegentlichem Gläserklirren. Es verstummt, als Herrenknecht zum Mikrofon greift und ohne Einleitung mit einer Anekdote beginnt. Eine Anekdote, die er gerne bei solchen Anlässen erzählt, denn sie beschreibt, wie alles begann: Wie der junge Martin mit seinem Bruder Fasane jagen war, wie es danach vom Vater Prügel gab und wie er sich schwor, eines Tages mehr Menschen zu beschäftigen als sein Vater in seiner Polsterei.

 

Das blieb bis zur Unternehmensgründung im Jahr 1977 das Ziel, damals, als das Büro noch in einer Mietwohnung lag. Heute beschäftigt Herrenknecht 4.800 Mitarbeiter, die Mietwohnung ist einem 275.000 Quadratmeter großen Gelände in Schwanau gewichen. Aus seinem Startkapital, ein Darlehen von seiner Mutter über 25.000 Euro, ist ein Jahresumsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro erwachsen.

 

Herrenknecht arbeitet sich durch 30 Jahre Unternehmertum, wobei er Anekdote an Anekdote reiht: Von Vertragsabschlüssen in Russland, die von Strömen von Wodka begleitet wurden, von einer Geschäftsreise nach Istanbul, wo er beim Moscheebesuch die Löcher in seinen Socken verbergen musste, vom Zungenkuss mit Breschnew, den man für ein 80-Millionen-Mark-Geschäft schon einmal in Kauf nehme.

 

Der Unternehmer erzählt trocken, unbeeindruckt. Er unterscheidet nicht, ob ein Vertrag in „Kaddar“ abgeschlossen wurde, wie er das arabische Emirat mit seinem badischen Dialekt ausspricht, oder im Adler in Reichenbach, wohin Herrenknecht mit Vorliebe millionenschwere Geschäftsmänner und Politprominenz einzuladen pflegt.

 

Doch den 71-Jährigen deshalb als leidenschaftslos zu bezeichnen, wäre so verkehrt, wie seine tonnenschweren Bohrer als haushaltstaugliche Makitas zu titulieren. Man merkt, dass in jedem seiner Projekte Herzblut steckt: dem ersten Straßentunnel unter dem Bosporus, dem Fildertunnel für Stuttgart 21, der Ölpipeline nach Turkmenistan oder seinen Bohrungen auf bis zu 7000 Meter, um an Erdwärme zu gelangen. Sein Antrieb ist sein Entdeckerdrang: Er will wissen, wie es sich anfühlt, mit dem Auto unter dem Bosporus durchzufahren oder mit dem TGV durch den Vogesentunnel.

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Und er will der Erste, der Beste, der Größte sein. „Man braucht Mitkonkurrenten, damit man ihnen zeigen kann, wo der Papa den Most holt“, witzelt der gebürtige Lahrer auf badisch. Für ihn ist alles eine „challenge“ – und wenn man die „challenge“ um die weltgrößte Maschine nur gewinnen kann, indem man einem 450 Meter langen Bohrer nachträglich noch ein 20 Zentimeter langes Messer aufsetzt, dann macht Herrenknecht das. Er macht es erfolgreich: Sein Ehrgeiz hat ihm bereits 2002 die Marktführerschaft in maschineller Tunnelvortriebstechnik eingebracht.

 

Es kann nicht ausbleiben, dass jemand, der so hartnäckig seine Ziele verfolgt, auch mal aneckt. „Wer jetzt noch Grün wählt, den werfe ich raus“, habe er bei einer Betriebsfeier verlauten lassen, als es um Stuttgart 21 ging. Oder für Herrenknecht eben um den Stand oder Fall eines 80-Millionen-Euro-Auftrags. Doch die negativen Schlagzeilen sind Bauschutt von gestern, und die Spannungen, die es zur Landesregierung gegeben habe, seien mittlerweile wieder aus der Welt geräumt. Nach einem zweistündigen Gespräch habe Kretschmann verlauten lassen, das Ländle brauche jemanden so burschikosen wie Herrenknecht. Challenge gewonnen.

 

Doch trotz lukrativem S21-Geschäft ist Deutschland für das internationale Unternehmen schon lange kein Schlaraffenland mehr. Die Tunnel, durch die Milch und Honig fließen, finden sich stattdessen in Südamerika, Saudi-Arabien, Türkei, Iran, China, Indien oder Singapur. Allein bei Hongkong seien momentan dreißig Maschinen gleichzeitig in Betrieb, in Deutschland gerade mal eine.

 

Doch Schwanau ist und bleibt Herrenknechts Heimat. Mit dem Ort und seinen Bewohnern fühlt er sich verbunden, hier lebt er zusammen mit seiner kolumbianischen Frau und seinen drei Kindern. Auf seine Familie angesprochen, werden Herrenknechts Aussagen vage. Ja, es habe Spannungen gegeben. Es sei nicht leicht für die Kinder gewesen, wenn sie einmal mehr dem Flugzeug hinterherschauen mussten, mit dem der Vater davonflog. Doch die Familie sei mittlerweile wieder näher zusammengerückt, der Sohn studiert Maschinenbau und wird wohl den Betrieb einmal übernehmen. Wann das sein wird, will und kann Herrenknecht nicht sagen – er sieht noch lange kein Ende des Tunnels. „Es gibt eine neue Generation, die ich unterstützen werde“, sagt Herrenknecht, um gleich darauf Pläne für seinen Ruhestand in weite Ferne zu schieben: „Die Nachfolge ist geregelt, aber was soll ich denn zu Hause? Meine Frau ärgern?“

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: Herrenknecht, tbr