Langzeitarbeitslose Jugendliche sind schwer zu vermitteln. Doch es kann klappen, wie das Freiburger Projekt »Begleitete Ausbildung« zeigt. Es hat im vergangenen Jahr 16 junge Menschen bei der Stellensuche unterstützt. Zwei von ihnen berichten dem chilli vom steinigen Pfad ins Berufsleben. Ihr Förderer ist nun insolvent.
 
Gefordert: Michael hat zwei Ausbildungen als Hotelfachmann abgebrochen. Lukas macht eine Ausbildung zum Logistiker.
 
Michael (*) hat alles im Griff. Freundliches Lächeln, klare Sprache, sicheres Auftreten. Das war früher anders: »Ich stand mir immer selbst im Weg«, sagt der 21-Jährige. Seit einigen Monaten macht er eine Ausbildung in Freiburg. Der Weg dahin war holprig.
 
»Meine Eltern waren wahnsinnig streng. Sie waren schon bei einer Zwei in Klassenarbeiten unzufrieden. Ich habe dann aus Trotz nicht gelernt«, sagt Michael. Stress habe es oft gegeben. 2011 schloss der verunsicherte junge Mann die Realschule ab, entschied sich für eine Ausbildung als Hotelfachmann.
 
Der Job hat ihm Spaß gemacht, nicht aber die Arbeitszeiten. Er habe manchmal bis nachts um zwei Uhr gearbeitet, auch an Sonn- und Feiertagen musste er ran: »Ich hatte in dem Jahr zwei freie Sonntage.«
 
So verlor Michael den Kontakt zu Freunden, hatte Zoff mit den Eltern, rauchte und trank. Nach einem Jahr schmiss er die Ausbildung und zog zu seinem Vater. Dort begann er erneut eine Ausbildung als Hotelfachmann. Im Rückblick ein Fehler. Schon nach zwei Wochen brach er ab. »Wieder hat mir der Job Spaß gemacht, aber ich habe mich nicht richtig wohl gefühlt«, sagt er und schenkt Kaffee nach.
 
Ein Jahr ging er aufs Berufskolleg, ein Jahr arbeitete er als Ein-Euro-Jobber in einem Möbelladen. Die Freizeit verbrachte er vor allem vorm PC – zwei Jahre lang. Er trieb keinen Sport, hatte Handyschulden, ignorierte Abmahnungen vom Jobcenter. »Ich war total planlos«, sagt Michael.
 
Ein paar Monate war er ohne Arbeit, bis ihm das Jobcenter vorschlug, bei der »Begleiteten Ausbildung« mitzumachen. Das Freiburger Projekt von Handwerkskammer, Stadt und Arbeitsagentur bot ihm konkrete Hilfe bei der Stellensuche. Michaela Rotermund-Kaplan von der Fördergesellschaft Handwerk (Föge), einer Tochterfirma der Handwerkskammer, betreute ihn. »Für mich war es wichtig, hier zu sein. Die Hilfestellung war gut«, sagt Michael beim Gespräch mit Rotermund-Kaplan und dem chilli. Er hat jetzt eine Ausbildung, Ziele, einen Lebensrhythmus.
 
Gefordert: Michael hat zwei Ausbildungen als Hotelfachmann abgebrochen. Lukas macht eine Ausbildung zum Logistiker.
 
Ganz so rosig sieht es bei Lukas* nicht aus. Der 23-Jährige fühlte sich bei der Föge zwar bestens aufgehoben, hat aber trotz der Unterstützung noch keinen festen Ausbildungsplatz. Derzeit macht er eine sechsmonatige Qualifizierungsmaßnahme zum Citylogistiker. Ein erster Schritt.
 
Bis Juli besuchte Lukas »quasi alle Hilfsmaßnahmen, die es in Freiburg gibt«, wie er erzählt. Doch er überwarf sich mit den Verantwortlichen, bekam sogar Hausverbot. »Ich bin ein netter Mensch, aber ich sage, was ich denke«, sagt der Kappenträger. Im Sommer kam er zur »Begleiteten Ausbildung«. Bei der Föge fühlte er sich zum ersten Mal richtig unterstützt.
 
Lukas ist Sinti, sein Nachname Reinhardt. Der ist in Freiburg bekannt. Und den macht er mitverantwortlich für die erfolglose Stellensuche. Ein Kollege mit ähnlichem Zeugnis habe sich wie er einmal für eine Stelle beworben. »Er wurde eingestellt, ich nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen«, sagt Lukas.
 
Dank der Föge hatte er vor einigen Monaten nun doch ein Vorstellungsgespräch für eine Ausbildung als Fachlagerist. »Sie wollten wissen, ob ich Drogen nehme und kriminell bin«, erzählt Lukas und macht wieder seinen Nachnamen dafür verantwortlich. Eingestellt wurde er trotzdem. Zweimal war er in den ersten Wochen krank, einmal fehlte er unentschuldigt, für die Arbeitgeber zu viel des Guten. Nach einem Monat feuerten sie ihn. »Biografie und Nachname haben wohl nicht gepasst«, sagt Rotermund-Kaplan dazu.
 
Nach mittlerweile mehr also 100 Bewerbungen macht Lukas jetzt die Qualifizierung zum Logistiker. Seine Betreuerin ist optimistisch, die Prognose sei gut. Lukas zweifelt dennoch: »Viele sagen, jeder könne Arbeit finden. Das ist nicht so.« Die Vorurteile, mit denen Menschen wie er zu kämpfen hätten, seien zu groß. 
 
*Namen von der Redaktion geändert
 
Text: Till Neumann / Fotos: © clipdealer.de
 
Begleitete Ausbildung und Insolvenz:
 
Das Hilfsprojekt »Begleitete Ausbildung« von Handwerkskammer, Stadt Freiburg und Arbeitsagentur hat 16 junge Menschen beim Übergang von Schule zur Ausbildung unterstützt. 3000 Euro standen für jeden Teilnehmer zur Verfügung. Die Umsetzung lag in Händen der Fördergesellschaft Handwerk. Sie hat vier von 16 Teilnehmern in eine Ausbildung vermittelt. Das Projekt lief bis Dezember, bis Ende März wurden die Teilnehmer nachbetreut. Zum 1. April hat die verschuldete Fördergesellschaft Handwerk (Föge) ihren Betrieb eingestellt, 70 Mitarbeiter haben ihren Job verloren. Darunter auch Michaela Rotermund-Kaplan.