Nur die Dogge hört mein Seufzen

Immer das Schönste draus machen – so könnte die Devise der reifen Ingrid (Hannelore Elsner) lauten. Wie um die platte Anmache ihres Kurschattens (Axel Prahl) mit Zauber zu kontern, formt sie beim Hotelfrühstück ein Toast zur Maske und hält sie sich vors Gesicht. Tochter Apple (Nadja Uhl) ist da zeitgleich in München weit weniger souverän. Bevor sie ihr Techtelmechtel mit einem Tierarzt vollends zerredet, hält der sich eine rote Serviette auf die Nase und verkündet die Brunftzeit der Rotschnabelpapageien. Doris Dörrie wollte in ihrem neuen Film „Alles inklusive“ wohl den Egoismus und Hedonismus der Flower-Power-Veteranen angreifen, doch macht sie nur deren erotisch unbeholfenen Nachwuchs lächerlich – mit oft ebenfalls lächerlichen Mitteln.

Gruppenbild mit Arzt, von links: Die lebenslustige Ingrid (Hannelore Elsner), ihre verhuschte Tochter Apple (Nadja Uhl), von ihrem Hund Dr. Freud nicht zu trennen, und Tim/Tina (Hinnerk Schönemann) versuchen einen Neuanfang in Torremolinos.

 

Obwohl „Alles inklusive“ mehr und mehr im spanischen Ferienort Torremolinos spielt, führt der Titel in die Irre. Eine Satire auf Pauschaltourismus ist zu erwarten, geboten wird eine Generationenkonflikt-Groteske. Stark überbelichtet wird in das Ende der 1970er-Jahre zurückgeblendet, zu einer ziemlich verwickelten Geschichte, als Torremolinos noch nicht Bettenburg, sondern Freikörper- und Selbstverwirklichungsparadies der Gegenkultur war. Die junge Ingrid (Natalia Avelon) und ihre Tochter Apple verkaufen selbstgemachten Schmuck. Ingrid verliebt sich in den Touristen Karl (Robert Stadlober), Apple schließt Freundschaft mit dessen Sohn Tim. Karls Frau kommt hinter die Affäre ihres Mannes und begeht Selbstmord.

Krankenpfleger Helmut (Axel Prahl) will unbedingt mit Ingrid schlafen - das macht sie nur für Geld.

 

Mehr als 30 Jahre später erholt sich Ingrid in Torremolinos von einer Hüftoperation. Aus Tim ist der Transsexuelle Tina (Hinnerk Schönemann) geworden, der/die in Hotels als Fußpflege jobbt und nebenbei Karaoke singt. Tina erkennt Ingrid sofort, macht sie verantwortlich für den Tod der Mutter, führt sie aber auch wieder mit Karl (Peter Striebeck) zusammen, der als verarmter Rentner in Torremolinos sein Dasein fristet. Während Tim/Tina und die nachgereiste Apple an den Kindheitstraumata der lebensmüden respektive der übermächtigen Mutter knabbern, entflammt die Liebe zwischen Ingrid und Karl neu.

So innig sieht man Mutter (Hannelore Elsner, oben) und Tochter Apple (Nadja Uhl) selten.

 

„Alles inklusive“ meint eigentlich, dass Regisseurin und Autorin Doris Dörrie vor keiner Schrägheit zurückschreckt. Apples einziger Freund ist eine Französische Bulldogge namens Dr. Sigmund Freud, mit der sie ununterbrochen Zwiesprache über ihre Probleme hält. Anders als in ihrer Romanvorlage lässt Dörrie den tierischen Doktor aber nicht dozieren, sondern bloß stumm in die Kamera glotzen, was auf Dauer sehr öde wird. Da hilft es wenig – ganz im Gegenteil! -, dass Tina den Dr. Freud nach einem ‘Selbstmordversuch’ wiederbelebt. Oder Ingrid sich für den Sex mit ihrem Urlaubsflirt bezahlen lässt, „The House of The Rising Sun“ auf der Gitarre intonierend, während sie auf ihm reitet. Verwunderlich, dass in „Alles inklusive“ nicht auch eine Katze auf drei Beinen auftaucht oder ein Blinder, der nicht schwimmen kann.

Tim/Tina (Hinnerk Schönemann) trauert um seine Mutter Heike.

 

Dabei haben Ingrid und Karl echte Gefühle, ihre Kinder nur den Abklatsch davon. Mangels Sensibilität seitens der Filmemacherin stehen sie als Narren da statt als Leidtragende elterlicher Lebensgier. Allenfalls die Hälfte von „Alles inklusive“ lohnt sich zu sehen. Die Zuschauer müssen entscheiden, ob das die Romantik der Alten oder die forcierte Karikatur der Jungen ist – beides zusammen verträgt sich nicht.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: akzeptabel
Genre: Komödie
Freigabealter: 12
Verleih: Constantin
Laufzeit: 123 Min.