In Blixas bizarrer Bar

 

In der Bar steht Blixa Bargeld am Tresen. Lauter alte Männer beobachten ihn wortlos und nehmen Speed. Alle sagen von sich, sie wären um die 18. Wer von „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ eine historisch akkurate Aufarbeitung der Punkszene im West-Berlin der 80er-Jahre erwartet, wird enttäuscht aus dem Kino kommen. Und wohl auch verstört. Denn das Drama liefert weder viel Identifikationsmomente noch Anlässe zum nostalgischen Schwelgen in No-Future-Zeiten. Vielmehr zeichnet Regisseur Oskar Roehler eine völlig überhöhte Groteske, ein absurdes Zerrbild einer ebenso konfusen Epoche.
Dem damaligen Punk-Lebensgefühl gerecht wird das absonderliche Werk durch eine politische Unkorrektheit und anarchische Provokation, die einem Helge-Schneider-Film in nichts nachsteht. Ein herausragender Tom Schilling, der nach „Agnes und seine Brüder“ und „Elementarteilchen“ zum dritten Mal mit Roehler arbeitet, hält dabei das aberwitzige Geschehen auf der Leinwand zusammen.

 

Nachdem er aus der Provinz nach West-Berlin abgehauen ist, trifft Robert (Tom Schilling, links) auf seinen alten Kumpel und Stripclub-Besitzer Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht).

Wie war das noch als Teenager in der spießigen westdeutschen Provinz der 80er-Jahre? Ach ja: Man wohnte als junger Punk (Tom Schilling) gemeinsam mit einem schwulen Neonazi um die 40 (Frederick Lau) in einer WG und war genervt von den politisch korrekten Öko-Hippies, die im Lehrerzimmer Bong rauchten. Also fesselte man den langhaarigen Lehrer kurzerhand an seinen Stuhl und kappte ihm „Heil Hitler“ rufend die Mähne. Anschließend zog man, von der Schule geflogen, natürlich ins gelobte Land, sprich: West-Berlin.

 

Schon der Beginn von Oskar Roehlers schriller Hommage an eine romantisierte Zeit zeigt die Richtung an: Kein einfühlsames Rantasten an Befindlichkeiten Jugendlicher im Mief der BRD, sondern brutaler Zynismus und ironische Zuspitzung. Keine Auseinandersetzung mit dogmatischen Ökospießern, sondern ein einziger Schlag aufs Maul. Robert, so der Name des jungen Rebellen, der sich anfangs „Taxi Driver“-mäßig einen Iro rasiert, schert sich einen Dreck um Konventionen und Korrektheit – und ebenso tut es dieser ebenso seltsame wie anspielungsreiche Film, der laufend zwischen schwarz-weiß und grell changiert.

 

Robert kommt also in jene heilige Stadt, in der das Leben – sprich Punk samt Drogen- und Sexexzessen – blüht. In der man nicht zum Bund muss und sogar noch eine Berlin-Zulage ausgezahlt bekommt. Job und Bleibe braucht Robert trotzdem. Sein alter Kumpel Schwarz, leider unerträglich amateurhaft verkörpert von Wilson Gonzales Ochsenknecht, gibt ihm beides. Wohnen darf er in einem dunklen Loch samt versiffter Matratze und Anarchiegraffito an der Wand. Stilgemäß also – im Gegensatz zur Arbeit: Im Stripschuppen, den Schwarz leitet und den bisweilen auch die miteinander knutschenden Nick Cave (Marc Hosemann) und Blixa Bargeld (Alexander Scheer) besuchen, schrubbt Robert das Sperma von den Wänden der Wichskabinen.

 

Im "Risiko" steht Blixa Bargeld (Alexander Scheer) an der Bar und schafft einen zeitlosen Ort der Punk-Avantgarde.

Zu seinen Aufgaben gehört auch die Verpflegung der angestellten Damen. So lernt er Sanja (Emilia Schüle) kennen und verliebt sich in die junge Frau, die sich ebenso wie all die anderen Klischee-Subkultur-Gestalten ziellos doch zufrieden durch die abgeranzten Straßen und Läden der Stadt treiben lässt. Nachts landen die meisten im „Risiko“, jener vom legendären „Einstürzende Neubauten“-Frontmann Bargeld betriebenen Bar, in der Punk und Postmoderne zu sich gefunden haben. Hier herrschen beschauliches Chaos, Kunst und Suff.

 

Heroin gehört ebenso zum guten Ton, auch für Robert, der sich gern den Anstrich des intellektuellen Dandys gibt. Als er Sanja von seiner aktuellen Lektüre berichtet, sagt diese: „Ich les’ lieber die Bunte“. Roehler gelingt es mit einer theaterhaften Überzeichnung der Charaktere, die gefühlten Wahrheiten des 80er-Jahre-Westberlins herauszuarbeiten. Die Kids, die da rebellieren, sind nicht alright, sondern vulgär, sexistisch, nihilistisch. Vor allem aber sind sie so sehr von den Weltdeutungsangeboten ihrer Eltern genervt, so dass sie sich einfach für das Nichts entscheiden. Ein kulturell bedeutsames Nichts.

 

Exemplarisch werden jene Eltern in „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ an Roberts psychisch verwirrtem Vater dargestellt, dem Ex-Kassenwart der RAF, der den verlässlichen 68er-Zeiten nachhängt und laufend Dinge sagt wie: „Die Gudrun war wunderschön“. Noch immer hat er Geld aus den Banküberfällen der Terrorgruppe gebunkert. Geld, das Robert gut gebrauchen kann. Er hasst seine Eltern ebenso wie Sanja die ihren. Am Ende finden beide eine Lösung, die in ihrer Radikalität dieses wundervoll bizarre, enthobene, unerbittliche, schmutzige und kreischende Stück Film im Kern trifft.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © X Verleih AG
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Bizarr, grotesk, unkorrekt: Oskar Roehlers "Tod den Hippies - Es lebe der Punk!" zerpflückt jeden romantischen Nostalgiegedanken an das West-Berlin der 80-er.

 

 

 

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Drama
Freigabealter: 16
Verleih: X-Verleih
Laufzeit: 105 Min.