Was ein Mensch wert ist

Wie war das um 1840, 1850 auf den Plantagen in Louisiana? Wenn ein Sklave wie Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor), von den Weißen nur Platt genannt, sich handgreiflich gegen seinen Aufseher Tibeats (Paul Dano) erhebt, muss er dann nicht mit dem Tode rechnen? Im Prinzip wohl ja, aber das Drama „12 Years A Slave“ weiß, dass die Dinge wesentlich verzwickter sein konnten. Als Tibeats drauf und dran ist, Solomon zu hängen, richtet sein Vorgesetzter eine Pistole auf ihn: Auf den Sklaven ist ein Wechsel ausgestellt. Stirbt er, verliert der Master viel Geld. Während die Weißen streiten, hält sich Solomon unter Aufbietung aller Kräfte auf den Zehenspitzen aufrecht, damit die Schlinge ihn nicht erdrosselt. Über viele Stunden, in glühender Hitze.

Mit Peitschenhieben werden Solomon (Chiwetel Ejiofor) und die anderen Sklaven zum Baumwollpflücken angehalten.

 

Amerikanisches Fernsehen und Kino – siehe die Mini-Serie „Roots“ (1977) und Tarantinos „Django Unchained“ – setzen sich oft sehr schonungslos mit der Sklaverei in den Südstaaten auseinander. Aber vielleicht ist vor „12 Years A Slave“ noch nie so ergreifend dargestellt worden, wie Sklaven durch das pervertierte und seltsam wertorientierte Begehren ihrer Herren entwürdigt werden. Solomon am Strick ist für Tibeats ein Hassobjekt, für den Master, den Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch), hingegen ein Anlageobjekt. Wenn dieser Umstand auch sein Leben retten könnte, beraubt er ihn doch des Menschseins. Nicht besser ergeht es Solomons Leidensgenossin Patsey (Lupita Nyong’o) als Lustobjekt des sadistischen Plantagenbesitzers Edwin Epps (Michael Fassbender).

Vor seiner Verschleppung war Solomon (Chiwetel Ejiofor) mit seiner Familie auch ein von Weißen geachteter Bürger.

 

Dem Sujet seiner ersten beiden Spielfilme ist der afrobritische Regisseur Steve Rodney McQueen damit treu geblieben, und er erweitert es. „Hunger“ (2008) über einen inhaftierten IRA-Kämpfer und „Shame“ (2011) über einen Sexsüchtigen drehen sich darum, inwieweit Menschen Gefangene ihres Körpers sind und inwieweit sie sich den Regeln anderer unterwerfen müssen oder ihnen widerstehen können. Die Verfilmung des authentischen autobiografischen Berichts „12 Years A Slave“ von Solomon Northup gibt dem Thema geschichtliche Tiefe. Als frei geborener Afroamerikaner und geachteter Bürger innerhalb einer weißen Mehrheitsgesellschaft lebt der Musiker und Handwerker Northup mit Frau und Kindern in Saratoga, New York, ehe ihn zwei Betrüger an Sklavenhändler verschachern. In Ketten erwacht er in einem Albtraum aus Peitschenhieben, Schuften bis zum Umfallen und unendlicher Demütigung. Aber die Begegnung mit dem kanadischen Zimmermann Samuel Bass (Brad Pitt) weckt auch Aussicht auf Rückkehr zu seiner Familie.

Solomon (Chiwetel Ejiofor, rechts) versucht, Patsey (Lupita Nyong'o) vor den Ausbrüchen Edwin Epps (Michael Fassbender) zu schützen.

 

Fans der früheren Filme mögen beklagen, dass McQueen zugunsten eines weitgehend konventionell erzählten, reich ausgestatteten historischen Sittenbildes auf persönliche Handschrift verzichtet. Zwangsläufig tauscht McQueen den scharfen eigenen Blick gegen den der Geschichtsforscher und den von Northup ein, die einzig Authentizität verbürgen können. Er macht das wett mit seiner Virtuosität, andere, tradierte Inszenierungsstile zu adaptieren. In „Shame“ servierte er ein Rendezvous à la Woody Allen. Nun verwandelt er, getragen vom ausdrucksstarken Hauptdarsteller, die Erlebnisse eines Menschen aus einem fernen Jahrhundert in eine moderne, psychologisch grundierte Bildsprache. Der zeitlosen Angst vor dem Verlust des Menschseins wird sie vollauf gerecht.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: Tobis Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: 12 Years A Slave
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Tobis
Laufzeit: 135 Min.