Kammerspiel des Schreckens

Natascha Kampusch (Amelia Pidgeon) ist zehn Jahre alt, als sie vom arbeitslosen Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil (Thure Lindhardt, „Illuminati“) auf dem Schulweg entführt wird. Sein Ziel ist nicht die Forderung eines Lösegeldes, er will das Mädchen besitzen. Achteinhalb Jahre wird Priklopil Natascha Kampusch in einer zwei mal drei Meter großen Gefängniszelle halten. Aus der Versorgung mit Märchenbüchern, Lieblingskeksen und Gute-Nacht-Küssen wird körperliche Nötigung, Nahrungsentzug und psychische Demütigung. Der 30-jährige britische Shooting-Star Antonia Campbell-Hughes („Lead Balloon“, „Albert Nobbs“, „Storage 24“) spielt die ältere Natascha Kampusch.

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Wie soll man eine wahre Geschichte im Spielfilm erzählen, die jeder kennt und die in ihren Details durchaus brutal und abstoßend ist? Bernd Eichinger hatte nicht nur die Filmrechte an einem der heißesten Stoffe der letzten Jahrzehnte erworben, sondern auch mit der Arbeit an einem Drehbuch begonnen. Sein Konzept: Er wollte die Geschichte der Natascha Kampusch als Kammerspiel des Schreckens auf die Leinwand bringen. Einen Film in ruhigen, aber brutalen Bildern erschaffen, in dessen „Erlebniszentrum“ für den Zuschauer die Nähe zu beiden Hauptfiguren steht. Nach Eichingers überraschendem Tod im Januar 2011 beendete Ruth Toma sein Drehbuchfragment. Hollywood-Veteran Michael Ballhaus („Departed – Unter Feinden“) wurde als Kameramann verpflichtet.

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Tatsächlich nähert sich Regisseurin Sherry Hormann („Wüstenblume“) der Geschichte mit viel Respekt. Manchmal möchte man fast sagen: mit zu viel Respekt, denn eine deuterische oder gar poetische Ebene erreicht der auf Nüchternheit und Faktentreue bedachte Film nie. Muss er natürlich auch nicht. Einziger Mehrwert der Fiktionalisierung gegenüber dem sehr starken ARD-Dokumentarfilm „Natascha Kampusch – 3096 Tage Gefangenschaft“ von 2011 ist die Inszenierung jener Momente, über die Natascha Kampusch selbst bislang lieber schwieg: ihre sexuelle Beziehung zum Entführer Priklopil, die von Machtdemonstration und Herabwürdigung geprägt war.

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Die – angeblich für diese Rolle – erschreckend abgemagerte Hauptdarstellerin Antonia Campbell-Hughes läuft über weite Strecken des Film nackt oder oben ohne durch Priklopils Spießerhaus in der Vorstadthölle. Nach den vier ersten Jahren, die sie ausschließlich im Verlies verbrachte, durfte Natascha Kampusch immer öfter für Arbeiten und Liebesdienste aus ihrem mit drei Türen gesicherten Kellerloch an die Oberfläche. Antonia Campbell-Hughes macht ihre Sache gut, geht es doch in der Darstellung der gefangenen Natascha Kampusch um eine schmale Balance zwischen Angst, Gequältheit und einer seltsamen Emanzipation, die das Entführungsopfer während seiner 3096 Tage mehr und mehr schaffte. Auch der Widerpart weiß zu überzeugen: Thure Lindhardt, dänischer Schauspieler mit Hollywood-Erfahrung, verkörpert Wolfgang Priklopil in einer diabolischen Mischung aus verletztem großem Kind und zwangsneurotischem Quälgeist.

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Die echte Natascha Kampusch ist seit ihrer Befreiung zahlreichen Anfeindungen ausgesetzt. Teile der Öffentlichkeit fragten sich, wie es das Opfer bewerkstelligte, während ihres Heranwachsens in Gefangenschaft nicht zu zerbrechen, sondern mit jedem Atemzug stärker zu werden. Weil ihre Geschichte nicht in gängige Opfer-Klischees passen will, irritierte Kampusch Teile der medienkonsumierenden Öffentlichkeit. Regisseurin Sherry Hormann wertet das Umgarnen und „Mitspielen“ des Opfers bei Priklopils Idee eines Liebespaares als klugen Schachzug, der Natascha Kampusch letztendlich die Flucht ermöglichte.

Weil Kampuschs Geschichte die Menschen weltweit elektrisierte, entstand „3096 Tage“ in englischer Sprache – was einen als deutschsprachigen Zuschauer bei der Schilderung muttersprachlicher Millieus ein wenig stört. Priklopils Haus und Natascha Kampuschs nur wenige Quadratmeter großes Kellerverlies wurden im Studio naturgetreu nachgebaut.

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Insgesamt hinterlässt „3096 Tage“ trotz des Verzichts auf billige Effekte, der brutalen Bilder und seiner Faktentreue ein leicht schales Gefühl. Was soll man aus diesem Film eigentlich mitnehmen? Vielleicht kann man diese Geschichte fiktional auch einfach nicht besser inszenieren. Normalerweise ist es die Stärke des Kinos, größer als das Leben zu sein. Im Falle Kampusch verhält es sich genau umgedreht: Der Spielfilm schafft deutlich mehr Distanz zum Stoff als 2011 die Dokumentation zuließ. Vielleicht ist das wahre Leben im Fall Kampusch einfach zu mächtig für einen Film.

Text: Eric Leimann / Fotos: 2013 Constantin Film Verleih GmbH / Jürgen Olczyk
Quelle: teleschau – der mediendienst


Filmbewertung: überzeugend
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Constantin
Laufzeit: 109 Minuten