Wer braucht schon Moral?

Viele grüne Dollars, der Traum von einem besseren Leben, nette und nicht so nette Gangster und ein cholerischer Moralapostel: In der stilvollen Korruptions-Farce „American Hustle“ hauen sich Christian Bale, Amy Adams, Jennifer Lawrence und Bradley Cooper immer wieder gegenseitig übers Ohr. Durchaus humorvoll und schön anzusehen, ist das fiebrige 70er-Jahre-Sittengemälde von David O. Russell im Kern eine aufwühlende Studie über die Tragik des Scheiterns, der man nur entgehen kann, wenn man das eigene Leben von Grund auf renoviert. Und wie schon in „Silver Linings“ (2012) zeigt der Filmemacher in seinem Oscar-Favoriten (zehn Nominierungen!) eine US-Wirklichkeit, in der vieles aus dem Ruder gelaufen ist.

Ein netter Kerl ist FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper, rechts) nicht. Irving (Christian Bale) und Sydney (Amy Adams) müssen dem cholerischen Spinner trotzdem helfen.

 

Einiges von dem, was kommt, so ein fürsorglicher Hinweis am Anfang des Films, sei tatsächlich passiert. Als würde man die Glaubwürdigkeit anzweifeln – in einer Welt, die mehr als 35 Jahre Zeit hatte, Betrug, Korruption, Geltungssucht und dergleichen zu verfeinern. Ganz ehrlich, was in „Operation Abscam“ im Jahr 1978 an der US-Ostküste passiert, würde heutzutage nicht mal mehr mit einem Bußgeld belegt werden.

 

Damals jedoch hat sich der übereifrige FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) vorgenommen, das Land von Gier und korrupten Politikern zu befreien. Helfen sollen ihm dabei ein New Yorker Waschsalonbetreiber und dessen bezaubernde Liebschaft: Irving Rosenfeld (Christian Bale) und Sydney Prosser (Amy Adams), die sich Lady Edith Greensley nennt und als britische Gräfin ausgibt. Das Pärchen nimmt gutgläubige Menschen aus, mit einer perfiden, trickreichen Art von Kreditbetrug.

Batman macht Pause: Christian Bale hat sich und seinen Bauch akribisch auf die Rolle als Irving Rosenfeld vorbereitet.

 

Sie gehen DiMaso in die Falle und müssen ihm helfen: Der hyperaktive, cholerische und in moralischen Fragen unfehlbare Cop will mit einem Rundumschlag die politische Kaste gründlich säubern. Allerdings muss er die meisten Politiker erst zu Straftaten überreden: Das sollen Irving und Sydney übernehmen. Ihr erstes Opfer: der naive Bürgermeister einer Kleinstadt in New Jersey. Um seiner Region Hoffnung und seiner Stadt Lohn und Brot zu geben, will Carmine Polito (Jeremy Renner) Atlantic City neu errichten. Dafür braucht er Geld, dass ihm ein falscher Scheich besorgen will. Er muss sich nur bestechen lassen.

 

Es ist ein witziger, ruheloser, mit stilvoller Grandezza inszenierter Maskenball auf dem David O. Russell seine Figuren tanzen lässt. Doch viel interessanter als die pompösen Klänge, die schillernden Kostüme und die pfiffigen Tricksereien sind die leisen Töne, mit denen er von den Menschen erzählt, die sich hinter den Masken verstecken. Von Irvings Ehefrau Rosalyn (Jennifer Lawrence) etwa, die das luxuriöse Anwesen öfter mal in Brand steckt, aus Naivität und Langeweile. Oder von DiMasos Zuhause, das er mit einer ungeliebten Verlobten und einer herrschsüchtigen Mutter teilt.

Stilvoll geht die Welt zugrunde: Carmine Polito (Jeremy Renner, Mitte) holt sich den Ärger ins frisch renovierte Haus (von links: Amy Adams, Bradley Cooper, Christina Bale, Jennifer Lawrence).

 

Sie alle sehnen sich nach einem Neuanfang, sind aber Gefangene in den Rollen, die ihnen das Leben zugedacht hat. Aber dabei muss es nicht bleiben. David O. Russell gönnt seinen Figuren einen Ausweg aus ihren eigentlich ausweglosen Situationen. Man kann sich, so die Botschaft des Possenspiels, mit Mut, Geschick und einer großen Menge fiktionalem Glück aus fast jedem Rollenkorsett befreien.

 

Wenn das mal nicht Mut macht! Und was bräuchte man mehr heutzutage? In einer Welt, in der die Definitionen von Moral und Anstand bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht sind, sei ein bisschen Hoffnung erlaubt. Zumal das pointierte Drehbuch mit lustvollen Volten, die knackigen Dialogen mit schelmischem Witz und die fantastischen Darsteller mit imposanten Bäuchen und reizvollen Ausschnitten nicht geizen.

Purer Luxus: Ehefrau Rosalyn (Jennifer Lawrence, links) und Geliebte Sydney (Amy Adams) streiten sich um Irving Rosenfeld.

 

Die Academy honorierte diese Frohbotschaft mit zehn Oscar-Nominierungen – darunter in den „Big Five“-Kategorieren Hauptdarsteller, Hauptdarstellerin, Drehbuch, Regie und bester Film. Ein Kunststück, dass David O. Russell nach „Silver Linings“ zum zweiten Mal in Folge gelang.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © Tobis Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: American Hustle
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Tobis
Laufzeit: 138 Min.