Ein amerikanischer Held

Ein ganzes Land rennt in die Kinos – und gleichzeitig rennt es sich abermals die Schädel ein: Bei „American Sniper“ handelt es sich ohne Frage um einen großartigen Kriegsfilm, spannend, gefühlsergreifend, echt. Doch ist er auch ein pazifistisches Statement, wie Regisseur Clint Eastwood behauptet? Sicher ist: „American Sniper“ ist jetzt bereits der erfolgreichste Kriegsfilm aller Zeiten. Im Mittelpunkt steht der Scharfschütze Chris Kyle, ein echter amerikanischer Held, dessen wahre Geschichte durch die Presse ging. Und Eastwood rückt ihn über zwei Stunden lang ins beste Licht. Das spaltet die Gemüter in den USA: Liberale kritisieren, konservative Kräfte feiern den Patriotismus des Films, der sich dem Rest der westlichen Welt ohnehin nur schwer erschließen wird.

"Das Böse" fest im Blick: Chris Kyle (Bradley Cooper) ist eine Tötungsmaschine.

 

Ohnehin lassen Eastwoods künstlerische Motive den Zuschauer gerne ratlos zurück. Der überzeugte Republikaner reiht in seiner Regisseurs-Vita fabelhafte Werke aneinander, die auf ihre Weise Rassismus anprangern („Gran Torino“, 2008) oder amerikanische Kriege auch mal von einer fremden Warte aus zeigen („Letters From Iwo Jima“, 2006). Dass das rechte Lager in „American Sniper“ dagegen eine patriotische Rechtfertigung für den „Krieg gegen den Terror“ sieht, nannte er jüngst bei einer Pressekonferenz eine „dumme Analyse“. Sein Film komme mit „der größten Anti-Kriegs-Aussage, die ein Film machen kann“, wehrt er sich.

 

Sein pazifistischer Ansatz, sagt er, zeige sich vor allem in den Szenen, in denen Hauptfigur Chris Kyle jeweils nach seinen vier Einsätzen im Irak nach Hause kehrt. Tatsächlich offenbart Eastwood hier mit scharfem Blick, wie der, von der Einheit „Die Legende“ getaufte, Soldat sich nicht wieder zurechtfindet, wie seine Familie an ihm und seiner Abwesenheit auseinanderzubrechen droht. Die Kameras halten wie im ganzen Film auf den aufgepumpten Hauptdarsteller Bradley Cooper. Jedes mechanische Geräusch bringt ihn in der Heimat aus der Fassung, ins Schwitzen. Sein Blick führt dann genauso angespannt ins Leere, wie er in den Kriegsszenen angespannt ins Zielrohr führt. Viel Platz für andere Charaktere bleibt da nicht. Weder den Kameraden noch seiner Frau Taya (Sienna Miller), die ihn anfleht, da zu bleiben, „wieder Mensch zu werden“, gibt Eastwood Luft zum Atmen.

Es entwickelt sich ein Duell zwischen Chris Kyle und Distanzschütze Mustafa (Sammy Sheik).

 

Teils harte Schnitte innerhalb nervenaufreibender Kriegsszenen setzen den Distanzschützen der Navy SEALs plötzlich wieder zurück in der Heimat ab. Vom anfangs gezeigten, selbstbewussten Cowboy aus Texas ist dort nicht mehr viel übrig. Nach außen hin unerschütterlich bleibt aber sein Mantra, die USA seien „das beste Land der Welt“, fest bestehen. Zweifler an der Richtigkeit des Einsatzes, Zweifler an der Existenz des „Bösen“, mag er nicht verstehen. Und mit seiner Aussage, seine Kollegen bräuchten ihn „da draußen“, hat „Die Legende“ gar nicht mal so unrecht. 160 bestätigte „Kills“, in SEALs-Kreisen ist sogar von 255 Tötungen die Rede, machten den Patrioten zum tödlichsten Schützen der US-Militärgeschichte. Und so lange ein syrischer Scharfschütze namens Mustafa (Sammy Sheik) seinen Lauf noch auf Navy SEALs richtet, ist sein Werk im Irak natürlich nicht vollendet.

 

Dass dieser Mustafa, der eben Teil eines Duells wird, keine einzige Zeile im Film spricht, zeigt wiederum eine dann doch sehr einseitige Betrachtungsweise der Kriegslage. Natürlich hat Eastwood alle Hände voll damit zu tun, Chris Kyle zu porträtieren, den amerikanischen Kriegshelden, liebenden Vater und schließlich aufopferungsvollen Helfer hoffnungsloser amerikanischer Veteranen. Dass gleichzeitig der Feind, der reihenweise umgemäht wird, völlig ohne Gesicht gelassen wird – kein Wunder, warum sich „Moralisten“ darüber grün und blau ärgern. Die Terroristen werden genauso gezeigt, wie die Soldaten untereinander über sie sprechen: Es handele sich um „das Böse“, „Barbaren“, die Unschuldige mit Akkubohrern abschlachten und foltern wie Wilde. Auf einen Einblick in die Motive der ohne Frage widerlichen Schandtaten von al-Qaida muss also verzichtet werden. Kehrt man das zur Seite, liefert „American Sniper“ aber nicht nur packende Dramatik, sondern auch ein Blick in amerikanische Gefühlslagen, die man nun verstehen mag – oder nicht.

 

Text: Max Trompeter
Fotos: © 2014 Warner / WV Films IV LLC / Ratpac-Dune / Village Roadshow
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Nicht nur für sechs Oscars nominiert: "American Sniper" überholte bereits "Der Soldat James Ryan" (1998) als erfolgreichsten Kriegsfilm aller Zeiten.

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: American Sniper
Genre: Kriegsfilm
Freigabealter: 16
Verleih: Warner
Laufzeit: 132 Min.