Ins Herz gekitscht

Putzig ist sie schon, diese „Annie“. Ein unerschütterliches Waisenmädchen, das sich mit großem Herz, Wuschelkopf und breitem Grinsen in die Herzen der New Yorker singt und sie zu besseren Menschen macht. Die Geschichte des Filmmusicals basiert auf einem Comic-Strip aus den 1920er-Jahren. 1977 wurden Annies Abenteuer erfolgreich als Broadway-Musical inszeniert. Die erste Verfilmung 1982 war ein beschwingtes, versöhnlich-leichtes Alterswerk mit doppeltem Boden vom großen Regie-Zyniker John Huston. Die Neuverfilmung von Will Gluck ist hingegen perfekt konditionierte Familienunterhaltung mit kalkuliertem Wohlfühlfaktor – und ein Film, dem jegliche Glaubwürdigkeit und Relevanz fehlen.

Annie (Quvenzhané Wallis) bringt Biss in den Wahlkampf des Bürgermeister-Kandidaten Will Stacks (Jamie Foxx). Sein tristes Leben mischt sie auch gleich auf.

 

Annie (Quvenzhané Wallis) wohnt zusammen mit einer Handvoll weiterer Waisenmädchen bei einer Pflegemutter. Das Leben ist nicht gerade gut zu ihr, die optimistische Kleine ist trotzdem immer bestens gelaunt. Einmal pro Woche gibt’s Cannelloni von dem Italiener, bei dem sie einst ausgesetzt wurde. Dort wartet Annie freitags auf die Rückkehr ihrer Eltern.

 

Eine Familie zu haben, wäre schön: Durch einen Zufall landet Annie bei Will Stacks (Jamie Foxx). Der stets schlecht gelaunte Multimillionär will gerne Bürgermeister von New York werden und nimmt das fröhliche Mädchen als Pflegekind auf. Annie steigert nicht nur seine Umfragewerte, sondern stellt auch Stacks’ Leben auf den Kopf.

Zum Knutschen: Grace (Rose Byrne) und Annie (Quvenzhané Wallis) tanzen fröhlich über den Dächern New Yorks.

 

Mit viel Beflissenheit arbeitet sich das Drehbuch durch einen Haufen Klischees. Finstere Menschen sehen irgendwann das Licht, gute Menschen werden belohnt, böse Menschen bestraft. Die Reichen geben, die Armen bekommen. Das alles passiert in einem New York, das mit der Wirklichkeit soviel zu tun hat wie ein Vergnügungspark, in dem sich eine Handvoll Hollywood-Stars austoben.

 

Cameron Diaz hat als abgehalfterte Hexe von Pflegemutter sichtbar Spaß an der Übertreibung. Jamie Foxx hingegen wartet als misanthropischer Mobilfunk-Mogul mit politischen Ambitionen sehr gelangweilt darauf, geläutert zu werden. Von Annie natürlich, aber auch von seiner Assistentin Grace (Rose Byrne), die ihm treu und ergeben jeden Wunsch erfüllen würde.

Lustvoll prollig: Cameron Diaz (links) versucht als Pflegemutter Colleen Hannigan, Annies (Quvenzhané Wallis) Leben zur Hölle zu machen.

 

„Annie“ in der Version 2015 ist vor allem eine gefühlige Belanglosigkeit. Regie führte der in sozialkritischen Zwischentönen eigentlich versierte Will Gluck („Easy A – Einfach zu haben“, „Freunde mit gewissen Vorzügen“). Doch in der Musicalverfilmung zieht er zu oft die Kitschkarte und setzt auf allzu glanzvolle Oberflächen. Den Blick hinter die Alle-sind-immer-irgendwie-happy-Masken der Protagonisten aber verwehrt der Film dem Publikum. Den Zuschauern bleibt nur die singende, klingende Dauerfröhlichkeit. Und die ist irgendwann ermüdend.

 

Problematisch ist zudem, dass der Film extrem auf USA-spezifische Themen fixiert ist: Die Lebenswelt von Annie hat mit dem Rest der Welt nicht viel zu tun und bietet deshalb kaum Identifikationspotenzial. „Annie“ vernachlässigt das Universelle, das eigentlich in der Geschichte steckt. Einziger kleiner Lichtblick ist die Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis: Der jungen Schauspielerin, die schon in „Beasts of the Southern Wild“ die Herzen zum Schmelzen brachte, nimmt man jedes Lächeln gerne ab. Aber ihre Niedlichkeit ist „Annies“ einziger Trumpf.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © 2014 Sony Pictures Releasing GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Hochkarätige Besetzung, schmissige Songs und jede Menge Kitsch: Das Filmmusical "Annie" wurde konsequent auf Unterhaltung gebürstet.

 

 
 
 
Filmbewertung: akzeptabel
Originaltitel: Annie
Genre: Musical
Freigabealter: 0
Verleih: Sony
Laufzeit: 119 Min.