Ein bisschen besessen

Kunst ist wie Kokain, findet Udo Kier. Ein Suchtmittel. Teurer zwar, aber auch gesünder. Unser Mann in Hollywood, wie man hierzulande immer ganz stolz über den gebürtigen Kölner sagt, ist abhängig. Und gibt das offen zu. Seine Droge: die Kunst. Zu seinem 70. Geburtstag schenkt sich der Charakterkopf mit den stechenden Augen eine Kinoreise durch die Kunstwelt, die von Bonn über Paris, Köln, Frankfurt und Kopenhagen nach Berlin führt. Begleitet wurde Kier dabei vom Dokumentarfilmer Hermann Vaske: „Arteholic“ ist das aufschlussreiche Porträt eines ewig Getriebenen.

Ein bisschen exaltiert: So einen Warhol hätte Udo Kier einst gern mitgenommen. Die waren nämlich früher unglaublich billig.

 

Udo Kier ist unterwegs zu Freunden. Wenn er Kunstwerke präsentiert von Rosemarie Trockel, Udo Kittelmann oder Jonathan Meese, dann ist zu spüren, wie sehr Kier auch die Menschen liebt, die seine Droge produzieren. Dabei wird er Teil der Kunst, und die Kunst wird Teil von ihm. Aber das reicht ihm nicht.

 

„Ich bin neidisch auf die Maler, die sich immer und überall selbst verwirklichen“, sagt Udo Kier an einer Stelle. „Als Schauspieler bin ich immer auf viele andere angewiesen.“ Man lernt in „Arteholic“ auch eine Menge über den Menschen, der am 14. Oktober 1944 als Udo Kierspe das Licht der Welt erblickte.

Mit Nicolette Krebitz erlebte Udo Kier verrücke Nächte.

 

Kier erinnert sich an Protestaktionen in Köln, plaudert über eine Performance im Centre Pompidou von Paris, schweigt sich mit Lars von Trier beim Zeitunglesen in Kopenhagen an. Seine Anekdoten über Andy Warhol, über legendäre Vernissage-Partys, über seinen Ausbruch aus der bürgerlichen Spießigkeit sind köstlich erzählte Schwänke. Dass Kier dabei ein bisschen übertreibt und sich selbst inszeniert, sei ihm verziehen. Die Berufsbezeichnung Schauspieler reicht für ihn einfach nicht aus. Er ist ein Kunstwerk. Und darf sich auch gekünstelt geben.

 

Auch wenn ein echter narrativer Faden fehlt, auch wenn der Film vor allem bewundernd um eine Sonne namens Udo kreist: „Arteholic“ ist charmanter Kaffeeklatsch. Aus vielen kleinen Vignetten entsteht das Bild eines Mannes, der ein ewig staunender Junge geblieben ist. Ein wenig narzisstisch mag er ja sein, aber Udo Kier ist vor allem eine herzliche Seele – und eine durchgeknallte Plaudertasche vor dem Herrn.

 

Text: Andreas Fischer / Fotos: © Camino Film
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 0
Verleih: Camino
Laufzeit: 86 Min.