Ein Kidnapper, der Nähe sucht

Nein, es handelt sich nicht um eine Wiederaufnahme des Films mit Til Schweiger von 1998, in dem dieser einen Fiesling spielt, der in einem rumänischen Waisenhaus geläutert wird. „Bastard“, gute Titel sind offensichtlich rar, ist diesmal der Erstling von Carsten Unger, ein „Psychothriller“ nach Angaben des Verleihs, der nun nach der Uraufführung bei den Internationalen Hofer Filmtagen 2011 ins Kino kommt. Der Bastard, das ist diesmal ein Junge, der von sich sagt: „Ich habe keinen Namen.“ Er heißt eigentlich Leon, doch er hat herausgefunden, dass er einst von seinen Eltern verstoßen wurde. Nun will er Rache, er schleicht sich in seine wahre Familie ein – ein erstaunlicher Psychotrip, der sich zwischen Krimi und psychologischer Innenschau hin und her bewegt.

Ein eiskalter Engel, der Rache will: Markus Krojer als knapp 14-jähriger Leon in "Bastard", dem Debütfilm von Carsten Unger.

 

Autorenfilmer Unger setzt gar eine Art Rahmenkommissarin zur Recherche des Falles ein, die den Film offensichtlich geschmeidiger machen soll. Als der neunjährige Nikolas spurlos verschwindet, erkennt die Kriminalpsychologin Claudia Meinert (Martina Gedeck), dass sich die Mutter des Kindes (Beate Maes) in Widersprüchen ergeht – offensichtlich will sie etwas verbergen. Als dann obendrein ein Video des vermissten Jungen auftaucht, das ihn gefesselt in einem Keller zeigt, führt sie diese Spur in Nikolas’ Schule. Der fast 14-jährige Leon (Markus Krojer) und die 13-jährige Mathilda (Antonia Lingemann) zeigen seltsame Auffälligkeiten. Ein Besuch bei Leons Eltern bestätigt Meinerts Verdacht: Die Erwachsenen sind offensichtlich in ein perfides Eltern-Kind-Spiel verstrickt. „Bastard“ entpuppt als ein Drama verlassener Kinder. Sie beschließen, sich grausam zu rächen.

Die 13-jährige Mathilda (Antonia Lingemann) will dabei sein, wenn Leon, der "Bastard" an seiner eigentlichen Familie Rache nimmt.

 

Leon, hochbegabt und aus gutem Hause stammend, hat Nikolas gefangen. Nikolas soll sterben, weil er Leons Platz bei dessen wahren Eltern eingenommen hat. Eine Identitätssuche, die sich zum Mordplan verkehrt. In drei Tagen wird Leon 14. Er würde also – als strafunmündiges Kind – weitgehend straffrei bleiben, hat er sich so zurechtgelegt. Das Opfer wird zum Geburtstagsgeschenk, und Mathilda, die kalte Freundin, die aus einem Hartz-IV-Haushalt kommt, wird zusehen, wenn Nikolas stirbt.

Martina Gedeck spielt im Film eine Kriminalpsychologin, die sehr bald merkt, dass mit der Familie des jungen Opfers etwas nicht stimmt.

 

Trotz der geplanten Grausamkeiten ist Ungers Film mehr als eine reine Sozialstudie oder nur ein Thriller. Er kriecht in die verlassenen Jugendlichen hinein, er zeigt, dass diese Beschädigten bei aller Kälte Nähe suchen. Nicht zuletzt deshalb nimmt Leon den Platz bei der „neuen“ Familie ein. Auch hat Markus Krojer, der freche Held aus „Wer früher stirbt, ist länger tot“, letztlich nicht die Eiseskälte, die sein Handeln völlig glaubhaft machen würde. Sein Regisseur könnte da von seinem offensichtlichen Vorbild Michael Haneke („Funny Games“) noch lernen. Doch schon jetzt ist klar, dass sich hier ein sehr selbstbewusster, genau zielender Regisseur zu Wort gemeldet hat.

Text: Andreas Fischer / Fotos: Studiocanal
Quelle: teleschau – der mediendienst

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: W-film
Laufzeit: 129 Min.