Die Mühen von Schuld und Vergebung

Mordopfer-Angehörige treffen verurteilte Täter. „Beyond Punishment“ ist trotz der schweren Thematik eine Dokumentation, die ein Stück Vertrauen in die Menschheit stiftet.

 

Es tue ihm leid, dass er unzähligen Menschen weh getan habe, meldet sich ein junger bärtiger Mann stockend zu Wort, er habe nicht an die Familie, Freunde und Kollegen des Mannes gedacht, den er erschossen habe. Gesagt wird dies in einem Stuhlkreis im Staatsgefängnis von Wisconsin. Opfer von Verbrechen und deren Hinterbliebene sprechen hier mit verurteilten Mördern und anderen Straftätern. Die Initiative „Restorative Justice“ – zu Deutsch: „wiederherstellende Gerechtigkeit“ – bildet den Ausgangspunkt für „Beyond Punishment“. Bewundernswert behutsam und ohne Effekthascherei erkundet der zweifach ausgezeichnete Dokumentarfilm die Möglichkeit, durch ein Gespräch zwischen Tätern und Opferangehörigen das Leid über die Auslöschung eines Lebens zu lindern.

Mordopfer-Angehörige treffen verurteilte Täter. „Beyond Punishment“

 

Leola ist die Mutter, Lisa die inzwischen erwachsene Schwester des afroamerikanischen Jugendlichen Darryl aus der Bronx, der vor über zehn Jahren von einem fast Gleichaltrigen erschossen wurde. Die beiden Frauen ringen nach wie vor mit diesem Verlust, können ihn nicht verarbeiten, ohne in Gewissenskonflikte zu geraten. Nach einem Indizienprozess zu einer hohen Haftstrafe verurteilt, beteuert der mutmaßliche Täter immer noch seine Unschuld. In Norwegen trauert Erik um seine 16-jährige Tochter Ingrid, die von ihrem Freund Stiva aus Eifersucht getötet wurde. Er fürchtet sich vor der Konfrontation mit dem inzwischen aus der Haft entlassenen Stiva. In Deutschland möchte Patrick verstehen, warum sein Vater von der RAF ermordet wurde. Manfred, ein ehemaliges RAF-Mitglied, das wegen Mordes einsaß, verspricht sich von der Aussprache mit Opfern oder deren Angehörigen ein Ende seiner Albträume.

 

Auf diese Personen konzentriert sich Hubertus Siegert, Autor und Regisseur von „Beyond Punishment“. Man würde auch Leolas Ehemann und Lisas Vater gerne sehen. Doch der ist ebenso abwesend wie Eriks Ehefrau und Stivas Eltern. Dabei gibt es doch Hinweise, dass diese Menschen für die Bewältigung der geschilderten Traumata eine bedeutende Rolle spielen – in positiver oder auch eher negativer Weise. Aber „Beyond Punishment“, Gewinner der Lola auf der Berlinale und beim Max-Ophüls-Filmfestival als bester Dokumentarfilm geehrt, beeindruckt auch so, wenngleich gegen Ende ein etwas mulmiges Gefühl entstehen kann.

Mordopfer-Angehörige treffen verurteilte Täter. „Beyond Punishment“

 

Vielleicht ist das Hauptverdienst des Films, dass er interessieren statt mit der Schwerkraft seines Themas überwältigen will. Schockeffekte werden ausgespart. Ganz unerwartet kehrt sogar etwas Vertrauen in die Menschheit zurück. Und zwar gerade wegen der Schwächen der Porträtierten, wenn es um die Mühen der Schuld und der Vergebung geht. Auch wenn die Täter geständig und reumütig sind, fällt es ihnen doch schwer, sich als Ausführende der Tat zu vergegenwärtigen, so als wäre dies jenes Zuviel, das sie endgültig zerbrechen, sie in der Scham, von der Stiva spricht, ersticken lassen würde. Lisa ihrerseits käme es wie ein Verrat an ihrem ermordeten Bruder vor, dem Täter zu verzeihen; es nicht zu tun, macht ihr aber das Leben schwer.

 

Über weite Strecken beobachtet Siegert nur, sensibel, aber ohne Sentimentalität. Deshalb verwundert und berührt es fast unangenehm, dass er sich mit seinen Aufnahmen irgendwann als Mittler zwischen den Parteien empfiehlt und sogar Begegnungen arrangieren will. Der Filmemacher wirkt hier etwas zu engagiert. Aber das Menschliche auch im Verbrechen so zu zeigen, dass man sich damit auseinandersetzen möchte, ohne es entschuldigen zu wollen, ist da schon geschafft.

 

 

Text: Andreas Günther / Fotos:© Piffl Medien, S.U.M.O.
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Mordopfer-Angehörige treffen verurteilte Täter. „Beyond Punishment“

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Beyond Punishment
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: ab 12 Jahren
Verleih: Piffl Medien
Laufzeit: 105 Min.