Berührt, verführt

Alleine die Tatsache, dass man sehr lange über diesen Film nachdenkt, macht „Borgman“ zum Ereignis. Man könnte es auch anders formulieren: Würde man nach zehn Minuten die Pausetaste drücken und erst eine Woche später den Thriller weiter zeigen, wiederum häppchenweise und mit Wartezeit, man könnte einen Menschen in den Wahnsinn treiben. Denn „Borgman“ stellt von Anfang an eine bohrende Frage.

Borgman (Jan Bijvoet) bekommt etwas zu Essen und das gewünschte Bad. Er bleibt und vielleicht soll er gar nicht gehen.

 

Das Wort, das den Zuschauer durch den Film begleitet, ist „warum“. Warum muss Borgman (Jan Bijvoet) vor einer Gruppe Männer flüchten, die ihn offensichtlich umbringen wollen? Warum lebt der bärtige Mann mit der präzisen Rhetorik in einem unterirdischen Verschlag im Wald, und wer sind die beiden anderen, die er auf der Flucht warnt? Alleine dieser Einstieg ist sehr geheimnisvoll und optisch spektakulär inszeniert. Der Waldboden bricht ein, was bedeutet, dass denen, die oben leben, der Boden weggezogen wird unter ihren Füßen. Diese Metapher darf als Überschrift für den Thriller gelten.

 

Angekommen in der Zivilisation, klingelt Borgman bei offensichtlich Reichen, fragt, ob er ein Bad nehmen kann. Bei der wohlhabenden Familie van Schendel bleibt er, heimlich, nur mit dem Wissen der Frau des Hauses. Marina (Hadewych Minis) lässt ihm ein Bad ein, gibt dem Mann zu essen und bittet das Kindermädchen Stine (Sara Hjort Ditlevsen), ihrem Mann nichts davon zu erzählen. Denn Richard (Jeroen Perceval) ist leicht reizbar. Es wäre also besser, wenn er nichts davon weiß, dass Borgman im Gartenhaus übernachtet. Doch er kommt der Familie in einer zweiten Episode noch viel näher.

Liebesspiel oder mehr? Bizarre Szene zwischen Marina (Hadewych Minis) und ihrem jähzornigen Mann (Jeroen Perceval) im Atelier des Hauses.

 

Inhaltlich sollte man bei diesem anfangs subtilen Horrorthriller möglichst wenig vorwegnehmen, um Alex van Warmerdam den Spielraum zu lassen, den er braucht. Die Mühe, die sich der Regisseur mit seinem Planspiel gibt, lohnt sich. Er wollte in die unbekannten, dunklen Orte seiner Vorstellungswelt hinabsteigen, das Böse im Alltag finden. Dafür entwickelt er eine Bildsprache, die den Zuschauer gleichermaßen verführt wie die Frau des Hauses.

 

Man will verstehen, mehr von dem begreifen, was man sieht. Fragen indes laufen bei diesem Regisseur ins Leere, Interpretationen gibt er nicht vor. Mutig stellt er sich gegen Genreregeln, braucht weder Nebel noch Dunkelheit, um grausam zu sein.

Zwei Männer im Nahkampf: Richard (Jeroen Perceval) ist seinem Gärtner (Jan Bijvoet, links) unterlegen.

 

Was hingegen fehlt sind Emotionen, und insbesondere in der zweiten Hälfte nachvollziehbare Reaktionen der betroffenen Familie. Sie werden wie auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben, und auch wenn immer klarer wird, dass hier Schauspieler agieren und sowohl Mystik als auch Gewalt mehr Platz bekommen, funktioniert der manipulative Akt. Emotionen, die rühren, gibt es nicht.

 

Was immer bleibt, ist die Faszination von Jan Bijvoet, der diese Rolle unglaublich spielt. Der Mann, der mit „Borgman“ und „The Broken Circle“ innerhalb von zwei Jahren zwei so bemerkenswerte Filme im Repertoire hat, dass er sich zur Ruhe setzen könnte, hat sicher dazu beigetragen, dass van Warmerdam nach Cannes geladen wurde. Der Film des 62-Jährigen ist seit Jahrzehnten der erste niederländische Beitrag, der im Wettbewerb des französischen Filmfestivals lief.

Borgman

 

Geht es um Arm gegen Reich oder nur darum, Präzisionsarbeit zu präsentieren? Vielleicht suchte der Regisseur auch nur einen Rahmen, um seine bemerkenswerte, ja wirklich schöne Entsorgung von Leichen zu zeigen … Das hätte man auch nicht gedacht, dass man so einen Satz mal schreibt.

 

Text: Claudia Nitsche / Fotos: © 2014 Pandastorm Pictures GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: Borgman
Genre: Thriller
Freigabealter: 16
Verleih: Pandastorm
Laufzeit: 113 Min.