Vom Good zum Bad Girl

Überall Narben, Schlabberlook und beißender Zynismus: So präsentiert sich die weibliche Hauptfigur aus „Cake“. Was sich oberflächlich nach einer undankbaren Rolle für einen glamourösen Hollywoodstar anhört, bietet ungeahnte Chancen für eine Charakterdarstellerin in spe. Auftritt Jennifer Aniston: Die Spezialistin für (romantische) Komödien darf sich in diesem Drama ganz ungeschminkt von ihrer besten Seite als Schauspielerin zeigen. Sie trägt damit einen Film, der inhaltlich wenig überrascht, aber dennoch aufgrund ihrer Darstellung überzeugt.

Ungeschminkt: Jennifer Aniston überzeugt in "Cake" mit ihrer Darstellung einer Schmerzpatientin.

 

Vergesst die tapferen Heldinnen, die ihr Schicksal mit einem Lächeln ertragen: Claire (Jennifer Aniston) leidet zwar unter körperlichen Schmerzen, benimmt sich aber wie ein Scheusal. Gleich die erste Szene in „Cake“ macht unmissverständlich klar, wo Claire emotional steht. In einer typischen Los-Angeles-Selbsthilfegruppe sollen die Anwesenden eine Übung absolvieren, um über den Selbstmord einer Teilnehmerin hinwegzukommen. Claire boykottiert die Runde und schildert zum Erschrecken der anderen eiskalt grausige Details zur Tat. Diese Provokation führt zum Rausschmiss und die Frau bleibt allein mit ihrer Tabletten- und Alkoholsucht.

 

Lange hält der Film die Geschichte Claires zurück. Stattdessen darf man sie als unsympathische Person kennenlernen und dabei beobachten, wie sie sich vor Schmerzen windet und zu viele Medikamente schluckt. Diese besorgt sie sich notfalls auch in Mexiko und das in einer solchen Menge, dass der Verkäufer feststellt, dass sie wohl echte Probleme habe. Aber Claire will nichts davon hören. Ohnehin ist sie für die Sprüche in diesem Film zuständig: Ihre absolut bitteren Kommentare nötigen dem Zuschauer dabei sogar das eine oder andere leichte Lachen ab.

Claire (Jennifer Aniston) erblickt auf einem Foto, was sie verloren hat.

 

Die Handlung beschränkt sich zunächst darauf, dass sie alle Menschen, die es gut mit ihr meinen, aus ihrem Leben vergrault. Nachdem sie ihren Ex-Ehemann (Chris Messina), die patente Physiotherapeutin (Mamie Gummer) und die gutmütige Selbsthilfegruppenleiterin (frisch und überzeugend: Felicity Huffman) vertrieben hat, hält ihr nur noch die Haushälterin Silvana (Adriana Barraza) die Treue. Und diese wird ordentlich ausgenutzt. Etwas Bewegung kommt in die Geschichte, als sich Claire dem Mann (Sam Worthington) und Sohn von Selbstmörderin Nina (Anna Kendrick) nähert und versucht, mehr über deren Leben zu erfahren.

 

Inszenatorisch interessante Momente bietet „Cake“, als sich endlich der Grund für Claires Leiden herauskristallisiert und sie sich fortan in einer Grauzone zwischen Leben und Tod bewegt, in der ihr die tote Nina erscheint. Trotz ihres Narzissmus und ihrer Bösartigkeit begegnet man diese Frau und die Bewältigung ihres Schicksals am Ende doch noch mit Respekt. Was auch daran liegt, dass man sich nie fragt, ob die Rolle bei einer anderen Schauspielerin besser aufgehoben wäre.

Die tote Nina (Anna Kendrick) erscheint Claire (Jennifer Aniston) im Krankenhaus.

 

Denn Jennifer Aniston verschmilzt ideal mit ihrer Figur. Warum es dafür nicht einmal eine „Oscar“-Nominierung gab, bleibt das Geheimnis der Academy. Aber in diesem Jahr haben an Krankheiten und unter Schmerzen leidende Frauen anscheinend Hochsaison: Für ihre Darstellung einer Alzheimer-Patientin in „Still Alice“ erhielt Julianne Moore kürzlich den Oscar, demnächst ist Hilary Swank in „Das Glück an meiner Seite“ als Konzertpianistin zu sehen, bei der ALS diagnostiziert wird.

 

Den titelgebenden Kuchen soll Claire übrigens als nette Geste für die Menschen backen, die sie immer schlecht behandelt. Am Ende verschenkt sie tatsächlich einen an Ninas Familie – nicht jedoch, ohne dabei getrickst zu haben.

 

Text: Diemuth Schmidt / Fotos: © Senator
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Das Drama "Cake" überrascht nicht durch seine Handlung, aber mit Jennifer Aniston in der Hauptrolle als unsympathische Suchtkranke.

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Cake
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Warner
Laufzeit: 102 Min.