Brenners abgebrannte Heimat

Müsste man schwarzen Humor noch einmal definieren, dann sollte man einfach tief in die dunklen, verlorenen dreinschauenden Augen von Simon Brenner (Josef Hader) blicken. Dann, wenn mal wieder alles nach den schlimmsten Regeln der Kunst schiefgeht. Etwa in dem Moment, in dem der heruntergekommene Ermittler in „Das ewige Leben“ alle Warnungen in die Luft schlägt, zur Motorsäge greift, einen vom Sturm geknickten Baum nicht nur äußerst ungünstig, sondern wirklich saublöd fallen lässt – genau auf das auf dem Nebengrundstück geparkte Familienfahrzeug seines Nachbars. Brenner nimmt das Schicksal mal wieder hin – mit stoischer Lakonie. Nur als ihm Unbekannte im neuesten, dem vierten Brenner-Kinofall nach dem Leben trachten, wird er dann doch fuchsig. Und das auf haarsträubend komische, bitter traurige Art.

Wieder vereint: Das Aufeinandertreffen mit seinem alten Freund Köck (Roland Düringer, links) hatte sich Simon Brenner (Josef Hader) auch anders ausgemalt.

 

Diesmal rückt der Film, den das bewährte Dreiergespann aus Roman-Autor Wolf Haas, Regisseur Wolfgang Murnberger und dem Co-Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Star-Kabarettisten Josef Hader erneut in kreativer Gemeinschaftsarbeit auf den Weg gebracht hat, dem Ex-Kriminaler ganz nah auf die Haut: Simon Brenner ist an einer Art Endpunkt angelangt – und das schon zu Beginn der Handlung. Auf dem Amt muss er zugegeben, dass er nicht nur seit Jahren ohne Arbeit, ohne Einkommen, sondern auch ohne feste Bleibe ist. Im letzten Moment entsinnt er sich: Er hat ein halb zerfallenes Vorstadt-Häuschen geerbt – in seiner Heimatstadt Graz, der er längst entflohen war.

 

Plötzlich steht Parka-Träger Brenner wieder vor der Bruchbude, in der er einmal selbst gewohnt hatte. Notdürftig richtet er sich ein, teilt sich eine Konservendose mit der stoisch verbliebenen Hauskatze und „leiht“ sich per Verlängerungskabel den Strom von seinem betulichen, aber noch duldsamen Nachbarn (Johannes Silberschneider). Mit einem altersschwachen, aber funktionstüchtigen Puch-Moped sucht der ehemals alteingesessene Neu-Grazer alte Bekannte auf. Sein erster Weg führt ihn zum Altwarenhändler Köck (Roland Düringer). Es geht ihm um Geld – und natürlich wirbelt Brenner Staub auf. Schon bald bekommt er in seiner Bude nächtlichen Besuch. Dumm nur, dass ihm mörderische, hämmernde Kopfschmerzen die Aufmerksamkeit rauben.

Wegen Anzeichen von Gedächtnisverlust ist Brenner (Josef Hader) in der Behandlung von Dr. Irrsiegler (Nora von Waldstätten).

 

Am nächsten Tag nämlich ist Brenner schwer lädiert – ja, gerade noch dem sicheren Tod entkommen. Sein Kopf ist bandagiert, er wacht im örtlichen Krankenhaus auf. Ein Kopfschuss hat ihn zwar nicht getötet, doch zutiefst verunsichert. Alle Welt spricht von einem gescheiterten, angesichts seiner hoffnungslosen Lage nachvollziehbaren Selbstmordversuch. Nur Brenner glaubt das nicht: Er ist fest davon überzeugt, dass ihm ein Mordanschlag galt. Nur wenige Stunden in seiner alten Heimat hat ihn nämlich seine lange verdrängte Vergangenheit wieder eingeholt. Und in der spielen seine ehemaligen Polizisten-Kollegen eine wichtige, undurchsichtige Rolle. Besonders stark hat sich Aschenbrenner (diabolisch-finster wie so oft und dabei überzeugend bedrohlich: Tobias Moretti) verändert. Er hat es zum Kripo-Kommandanten gebracht. Vertrauenswürdiger macht ihn das nicht.

 

Stimmung, feines Timing, extra viel Lokalkolorit, starke, lakonisch zugespitzte Dialoge und grandiose Schauspielerleistungen: Brenners vierter Kinofall wird nicht nur die eingefleischte Fangemeinde begeistern, sondern könnte auch Neueinsteigern einen Weg in die provinzösterreichische Gedankenwelt weisen. Die eigentliche Krimihandlung wird dabei fast schon zur Nebensache, wenn ganz nebenbei auch noch ein raffiniertes Beziehungsgeflecht mit Rückbezügen in die Zeit, als Jugoslawien-Urlaube noch ein Jugendabenteuer und Jarno Saarinen ein bewunderter Motorrad-Weltmeister-Held waren, aufgedröselt wird. Und Josef Hader würde man auch bereitwillig dabei zusehen, wenn er lediglich Kronkorken arrangiert.

 

Text: Rupert Sommer / Fotos: © Majestic / Patrick Wally
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

"Das ewige Leben" (2015) ist bereits die vierte Verfilmung der Romane rund um den Kult-Ermittler Simon Brenner (Josef Hader). Der kehrt diesmal in seine Heimatstadt Graz zurück.

 

 

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Thriller
Freigabealter: 12
Verleih: Majestic
Laufzeit: 123 Min.