Wehrt Euch!

Unsicher und verängstigt betrachtet die 14-jährige Hirut Assefa (Tizita Hagere) das schwere Gewehr in ihren Händen, lädt es unbeholfen durch. Ein halbes Dutzend Männer kommt langsam auf sie zu. Sie warnt sie. Sie schießt in die Luft. Sie lädt zögernd neu durch, warnt wieder. Doch der junge Mann, der sie geraubt und vergewaltigt hat, tritt lächelnd näher. Hirut schießt abermals. Dieser Schuss in einem kleinen Wäldchen in Äthiopien verändert nicht nur Hiruts Leben, sondern ein ganzes Land. Obwohl die wahre Geschichte, die „Das Mädchen Hirut“ erzählt, schon eine Weile zurückliegt, scheint sie doch aktueller denn je. Der Film wirkt wie ein Fanal für die Gleichberechtigung der Frau in der arabischen und afrikanischen Welt. Dass das bewegende Drama nun auch in westlichen Ländern in die Kinos kommt, dürfte aber in erster Linie der (nachträglichen) Beteiligung von Angelina Jolie zu verdanken sein.

Hirut (Tizita Hagere) ist eine kluge Schülerin. Mit Hilfe seiner Freunde entführt ein junger Mann sie auf dem Nachhauseweg, vergewaltigt sie und will sie heiraten.

 

Statt ihr Notwehr zuzubilligen, wird die kluge Schülerin Hirut, nachdem sie ihren Peiniger und Entführer getötet hat, von einem äthiopischen Provinzstaatsanwalt wegen Mordes angeklagt. Ihr droht die Todesstrafe. Die Anwältin Meaza Ashenafi (Meron Getnet) von der Adenet-Frauenrechtsorganisation übernimmt unentgeltlich ihre Verteidigung. Die Eltern hat sie auf ihrer Seite, das Dorf und vor allem die überlebenden Entführer, die auf alte Traditionen pochen, aber gegen sich.

 

Auch die Justiz scheint in patriarchalem Denken verhaftet. Nur mit Winkelzügen, Unterstützung der Medien und Verbindungen in höchste politische Kreise kann die Anwältin ein einigermaßen faires Verfahren für Hirut erreichen. Hirut selbst muss sie auch erst überzeugen. Das Mädchen fühlt sich nicht wohl in Meazas Appartment in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba und hält die westlich gekleidete Karrierefrau für „entehrt“. Dann wird die Adenet-Frauenrechtsorganisation wegen Meazas Anzeige gegen das Justizministerium auch noch verboten, und Hirut erscheint umso gefährdeter.

Die Anwältin Meaza Ashenafi (Meron Getnet) will Hirut vor Gericht verteidigen.

 

Mitte der 1990er-Jahre fand das Gerichtsverfahren statt, das ganz Äthiopien in Aufregung versetzte. Aber für seinen Film, in dem der Name der noch lebenden Hauptfigur zu deren Schutz geändert ist, versetzt sich der ebenfalls aus Äthiopien stammende Autor und Regisseur Zeresenay Berhane Mehari mit authentizitätsverbürgender Wackelkamera reportagehaft ins Geschehen, als ob es sich gerade in diesem Moment zuträgt. Aus seiner Sympathie macht er keinen Hehl. Die Ohrfeige, mit der Hirut vor ihrer Vergewaltigung niedergestreckt wird, dröhnt über die Tonspur in den Gehörgängen der Zuschauer. Der Film ist ebenso engagiert wie bewegend.

 

Mehari, der zuvor lediglich einen Dokumentarfilm abgedreht hat, weiß auch, wie unwahrscheinlich die Realität sein kann. Über Augenblicke höchster Not für Hirut lässt er eine Schwarzblende fallen, wie um ihrer wundersamen Rettung Zeit und Raum zu geben. Weniger geschickt ist die dramaturgische Bewältigung der schieren Masse an politischen und privaten Ereignissen, die sich an den geschilderten Fall knüpfen.

Gerichtsbarkeit und Morddrohungen - für Hirut (Tizita Hagere) beginnt eine Zeit des Leidens.

 

Aber der aktualisierende Stil ist mehr als berechtigt. Die „Tafela“, die gewaltsame Entführung junger Mädchen mit anschließender Zwangsverheiratung sogar gegen den Willen der Eltern, ist bis heute nicht abgeschafft. UN-Botschafterin und Mega-Star Angelina Jolie stieß als ausführende Produzentin erst nach Ende der Dreharbeiten zum Projekt. Allein ihr Name wird dem Film und seinem inständigen Appell: ‘Wehrt Euch!’ jedoch wohl mehr Aufmerksamkeit sichern als die beeindruckende Leistung der Debütantin in der Titelrolle.

 

Text: Andreas Günther / Fotos: © 2015 Alamodefilm
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Wegen Mordes angeklagt, weil sie ihren Entführer und Vergewaltiger tötete: "Das Mädchen Hirut" ist ein von Angelina Jolie mitproduziertes Gerichtsdrama über den authentischen Fall einer 14-Jährigen in Äthiopien.

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: Difret
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Alamode
Laufzeit: 99 Min.