Verdrängung, Gruppendruck und Größenwahn

Es ist ein Teil des Holocausts, der da vor unseren Augen (und Ohren) aufgefächert wird. Jahrelang erschossen deutsche Soldaten jüdische Männer, Frauen und Kinder im Osten. Viele Tag für Tag, manche hunderte in wenigen Stunden. Der Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) analysiert, ohne eigenen Kommentar und weitgehend ohne historische Hintergründe eigens bloßzulegen, wie das möglich war. „Das radikal Böse“ ist ein Mosaik aus Briefen, Prozessprotokollen und wissenschaftlichen Erklärungen, das das unvorstellbare Grauen tatsächlich zu ergründen versteht. Ein Dokumentarfilm, der immer wieder neue, nicht gekannte Fakten liefert, ohne sich an faktischen Oberflächen aufzuhalten. Der in die Seele der Täter blickt – und zugleich in die des Menschen überhaupt. Und behauptet: Auch wir könnten Täter wie jene Befehlsempfänger sein.

Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") versucht mit allen Mitteln, auch mit nachgestellten Szenen und Split Screen, das Grauen nachvollziehbar zu machen.

 

Dabei scheut Ruzowitzky vor allerlei Unterhaltungsvehikeln nicht zurück, nutzt die geteilte Leinwand ebenso wie musikalische Akzente. Er kennt den Reiz, den historische Farbbilder aus der NS-Zeit ausüben und lässt Schauspieler die furchtbaren Brief- und Tagebuchaufzeichnungen vorlesen, während man wieder andere Schauspielergesichter in Großaufnahme sieht, die durchaus ein wenig hilflos die Täter von damals zu imitieren scheinen – beim ersten Mordbefehl, bei Selbstbeschwichtigungen, aber auch auf der Flucht vor sich selbst, der unmöglichen, wie die Statements heutiger Wissenschaftler beweisen.

Schauspieler stellen die Szenen von damals nach, ohne dabei den Ablauf der Protokoll- und Briefzitate zu stören.

 

Aber was heißt schon beweisen? Letztlich ist die Situation von damals nicht nachvollziehbar. Es gibt nur Phasen einer Annäherung an die Taten von etwa 3.000 Leuten, Einsatzgruppen hinter der Ostfront übrigens, die Hunderttausende ermordeten. Benjamin Ferencz, Chefankläger des „Einsatzgruppenprozesses“ von Nürnberg, der 1947 auf den Hauptkriegsverbrecherprozess der Viermächte folgte, macht gleich zu Anfang des Films klar, dass „die weit verbreitete Vorstellung, dass Massenmörder wilde Bestien sind“ völlig falsch sei: „Es sind Leute wie du und ich, die denken, dass das, was sie tun, für das Gemeinwohl notwendig ist.“

Auch das gab's hinter der Ostfront zwischen den Massenerschießungen durch die Einsatztruppen: Fußball fürs Vergessen.

 

Auf die Statements des Anklägers, von Sozial- und Militärpsychologen, folgen immer die Einlassungen der jungen Täter. Ja, es habe die Frage des Einsatzleiters gegeben, ob es jemanden gebe, der sich den Erschießungen nicht gewachsen fühle. Zehn, zwölf hätten sich gemeldet. Man habe ohne nachhaltige Folgen verweigern dürfen, hätte dann aber als Schlappschwanz gegolten und jede Beförderung gefährdet. Wer blieb, glaubte, „es hätten dann die Kameraden getan“. Zudem hätten die Opfer „auch ohne mich nicht ihrem Schicksal entfliehen können“.

Der Film zeigt unter anderem, dass die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten keineswegs eine Randgruppe war.

 

Gruppendruck und Konformitätsprinzip spielten eine große Rolle, ein Übriges taten Propaganda und Allmachtsgefühle. Töten, um zu heilen, hieß die absurde Devise, Ausgeburt eines kranken Gehirns. Tatsächlich wurde mit den Mitteln der Propaganda die vorgefundene Zerstörung von Städten und Dörfern den jüdischen Einwohnern unterstellt. Die Massenerschießungen wurden von den Befehlsgebern zynisch als Vergeltungstaten deklariert.

© W-film / Benedict Neuenfels

 

Dem Einzelnen half das nicht viel: „Ich musste mich übergeben, ich setzte mich an einen Baum“, sagt ein Zeuge, „es war zu viel für einen Menschen, was wir erleben mussten.“ Ruzowitzky schreckt vor den Details des Grauens nicht zurück, vor den Angaben zu Erschießungszeiten und -dauer, zu den wahnwitzigen Tricks, dies auszuhalten. „Ich war verbittert, dass wir zu Schweinen und Mördern wurden“, sagt einer der Täter. Schwer zu glauben, dass andere „gar nichts“ dachten. Am Ende bleibt, nach zahllosen persönlichen Auskünften und Erklärungsversuchen, so etwas wie ein weißer Fleck – es ist vielleicht der Glaube an das Gute im Menschen.

 

Text: Wilfried Geldner / Fotos: W-film / Benedict Neuenfels & Christoph Rau
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Genre: Dokumentarfilm
Freigabealter: 12
Verleih: W-Film
Laufzeit: 96 Min.