All The Lonely People

Es ist ein kleines Wunder: Da finden sich in Zeiten, in denen sich Hollywood anscheinend nur noch Fortsetzungen, Ableger und Neuauflagen erfolgreicher Filme zu drehen traut, tatsächlich noch Produzenten, die einem völlig unbekannten Filmemacher Geld für ein ziemlich gewagtes Filmprojekt geben. Zwei Projekte, genauer gesagt: Zwei komplett eigenständige Filme drehte Regisseur und Autor Ned Benson über „Das Verschwinden der Eleanor Rigby“; die Geschichte eines Paares, einmal aus seiner, einmal aus ihrer Sicht erzählt. Beide Versionen, untertitelt „Him“ und „Her“, wurden bei ihrer Premiere bei dem Toronto International Film Festival und bei zahlreichen anderen Festivals begeistert aufgenommen. Das reguläre Publikum wollte man trotzdem lieber nicht vor die Wahl stellen: Mit „Them“ kommt nun eine dritte, gemeinsame Fassung des erstaunlichen Filmexperiments in die Kinos.

"Das Verschwinden der Eleanor Rigby" ist eines der interessantesten Filmprojekte des Jahres. Auch wenn das Drama nun nicht in seiner Ursprungsform in die Kinos kommt.

 

Das Publikum lernt Eleanor (Jessica Chastain) und Conor (James McAvoy) in einer kurzen Rückblende als ein Paar kennen, das verliebter, glücklicher eigentlich kaum sein könnte. Und doch wird man in der nächsten Einstellung Zeuge, wie sich die zarte junge Frau von einer Brücke in den East River stürzt. Was ist passiert? Diese Frage wird Ned Benson in den nächsten 120 Minuten beantworten. Indem er im Wechsel zeigt, wie es für Eleanor Rigby, die tatsächlich nach dem Beatles-Song benannt ist, und Conor Ludlow weitergeht. Getrennt voneinander.

 

Eleanor kommt nach dem Selbstmordversuch bei ihren Eltern (Isabelle Huppert und William Hurt) unter, legt sich eine neue Frisur zu, schreibt sich an der Uni ein und will ein neues Leben beginnen. Conor hingegen versucht, das Geschehene zu begreifen. Überall sucht er nach seiner Frau, die seine Anrufe nicht beantwortet, nicht mehr in die gemeinsame Wohnung zurückkommt, kurzum: die für ihn verschwunden ist. Zwischen den überaus klugen, wohlformulierten Zeilen erfährt man dabei von der Tragödie, die das Paar gemeinsam erlebte, aber offensichtlich nicht gemeinsam verarbeiten konnte.

Eleanor (Jessica Chastain) versucht, ein neues Leben anzufangen.

 

Ein großes Staraufgebot mag noch lange nicht für einen großen Film sprechen. Doch wenn ein völlig unbekannter Kurzfilmregisseur ohne großes Studio im Rücken so profilierte Darsteller wie Frankreichs Grande Dame Isabelle Huppert, Oscarpreisträger William Hurt, Charakterkopf Ciarán Hinds, die zweifach oscarnominierte Viola Davis oder den Blockbuster-erprobten James McAvoy für seine Sache gewinnen kann, dann scheint es sich schon um etwas Besonderes zu handeln. „Das Skript war eine ziemlich gute Visitenkarte“, bestätigt Produzentin Cassandra Kulukundis, die dennoch sieben Jahre lang um die Finanzierung kämpfen musste. Letztlich war es wohl auch die Strahlkraft von Jessica Chastain, die dem Film auf die Leinwand verhalf.

 

Die Kalifornierin, um die sich seit 2011, seit ihren bemerkenswerten Auftritten in „Zero Dark Thirty“, „Take Shelter“, „The Tree of Life“ und „The Help“, jeder Regisseur reißt, lernte Ned Benson vor vielen Jahren bei einem Kurzfilmfestival kennen. Sie half ihm über die Jahre, die Figur der Eleanor zu formen, und setzte sich nach ihrem großen Durchbruch als Ko-Produzentin beständig für die Verwirklichung des mutigen Projekts ein.

Einst waren Conor (James McAvoy) und Eleanor (Jessica Chastain) so verliebt, dass es beinahe weh tut.

 

Benson dankt es ihr, indem er die Leistung seiner Hauptdarstellerin im Film für sich sprechen lässt. Keine Schnittexperimente, die von ihrer Performance ablenken könnten, keine durchkomponierten Bilder, sondern eine beobachtende Kamera, die jede Nuance ihres Mienenspiels einfängt. Selbst der Soundtrack ist so dezent, dass er eigentlich nur dadurch auffällt, dass er sich hervorragend ins Gesamtbild einfügt.

 

Egal, in wie vielen Filmen man sich zuvor schon von der Natürlichkeit der 37-Jährigen überzeugt hat, mit der Empathie, die sie jener Eleanor Rigby entgegenbringt, weiß Chastain das Publikum aufs Neue zu verblüffen. Man kann nicht anders, als mit dieser verzweifelten, zerbrechlichen Frau zu fühlen, die nach einem schweren Schicksalsschlag vorsichtig versucht, wieder glücklich zu werden. Schade nur, dass man die komplette Geschichte, „Him“ und „Her“, vorerst nicht zu sehen bekommt.

 

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: © 2014 Prokino Filmverleih GmbH
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: ausgezeichnet
Originaltitel: The Disappearance Of Eleanor Rigby
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Prokino
Laufzeit: 123 Min.