Die unbekannte Tragödie

Es gibt diese schmerzlichen Tragödien der Menschheitsgeschichte, die drohen, vergessen zu werden. Insbesondere, wenn sie inmitten einer Vielzahl schrecklicher Ereignisse geschahen. Die Debatte um den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg führte dies erst kürzlich wieder vor Augen. Ebenfalls im „Großen Krieg“ am Anfang des Jahrhunderts, und ebenfalls in der heutigen Türkei trug sich ein Drama zu, das mit der Grausamkeit dieses Menschheitsverbrechens zwar nicht verglichen werden kann. Dennoch wurde durch den verlustreichen Kampf der australisch-neuseeländischen Truppen gegen das Osmanische Reich eine ganze Generation in Down Under traumatisiert. Noch heute begeht man dort den ANZAC-Day, in diesem Jahr zum hundertsten Mal. Der Neuseeländer Russell Crowe widmet sich dem Trauma von Gallipoli in seiner ersten Regiearbeit „Das Versprechen eines Lebens“.

Joshuas drei Söhne kämpften gemeinsam an der Front von Gallipoli. Keiner kehrte heim.

 

Russell Crowe? Der immerwährend gleich mürrisch schauende Prototyp eines Einzelkämpfer-Darstellers („Gladiator“, „Robin Hood“, „Noah“) setzt sich auf den Regiestuhl und dreht ein Historien-Drama? Da kann man schon mal skeptisch werden. Doch „Das Versprechen eines Lebens“ verspricht nicht zu viel: Dem 51-Jährigen gelingt in seinem Regiedebüt ein mitreißendes Familiendrama vor dem epischen Hintergrund eines weltumspannenden Krieges, der die Menschheit auf immer veränderte. Die Rolle eines grimmigen Eigenbrötlers gibt sich Crowe natürlich trotzdem.

 

Der Oscarpreisträger verkörpert den australischen Farmer Joshua Connor, der 1919 im trockenen Outback mit Wünschelruten nach fruchtbringendem Wasser sucht. Doch seine Gedanken sind fernab der staubigen Realität: Seine drei geliebten Söhne verlor er im Ersten Weltkrieg, sie kämpften für die „ANZAC“ genannten australisch-neuseeländischen Verbände des britischen Commonwealth in der Schlacht von Gallipoli gegen die Osmanen.

Kommen sich beim Kaffeesatzlesen näher: Joshua (Russell Crowe) und Ayshe (Olga Kurylenko).

 

In mitnehmenden Rückblenden wird die tragische Geschichte der drei Brüder Art (Ryan Corr), Henry (Ben O’Toole) und Edward (James Fraser) erzählt, die Seite an Seite im Schützengraben lagen. Aufgrund des nie verarbeiteten Verlustes begeht Joshuas Ehefrau nach dem Krieg Suizid. Doch anstatt in der unendlichen Trauer zu versinken, begibt sich ihr verzweifelter wie einsamer Mann auf die Suche nach den Überresten seiner Kinder. Und hofft. Denn offiziell wurde der Tod seiner Söhne nie bestätigt.

 

Also nimmt Joshua die lange Reise ins Osmanische Reich auf sich und landet schließlich im quirligen Konstantinopel. Dort wird er unter den Rufen „Keine Deutschen hier, keine Deutschen“ in ein Hotel gelockt, wo er die schöne Ayshe (Olga Kurylenko) kennenlernt. Die Witwe leitet das Gasthaus, ihren Mann verlor sie in der Schlacht von Gallipoli. Entsprechend verachtet sie Australier und Neuseeländer – und hat mit Joshua den ehemaligen Feind im Haus, dem sie sich schließlich doch annähert. Crowe zeichnet ein nur anfangs klischeehaft scheinendes Nachkriegs-Land. Je länger seine Figur verweilt, desto vielschichtiger stellt sich die Gemengelage dar, in der die Türken sich widerwillig mit der Besatzungsmacht gutstellen müssen.

Joshua (Russell Crowe, links) versteht sich mit Ayshes Sohn überaus gut.

 

Dasselbe Bild bietet sich Joshua am Schauplatz des Todes seiner Söhne auf dem Schlachtfeld der Halbinsel Gallipoli: Die ehemaligen Feindesgeneräle helfen den Alliierten bei der Bestattung ihrer fast 50.000 gefallenen Soldaten, unter denen sich auch zwei von Joshuas Söhnen befinden. Vom dritten jedoch fehlt jede Spur, seine Leiche ist nicht zu finden. In Joshua keimt die Hoffnung, dass er doch überlebt haben könnte – und das Drama gerät ein wenig zum unrealistischen Märchen. Eines jedoch, von dem man den Blick nicht abwenden mag. Spannend und schön gefilmt lädt Crowe dazu ein, den Zuschauern eine hierzulande fast unbekannte Tragödie des Ersten Weltkriegs nahezubringen.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

 

Regiedebüt für Oscarpreisträger Russell Crowe: "Das Versprechen eines Lebens" beschäftigt sich mit dem Kampf der Australier gegen die Osmanen im Ersten Weltkrieg.

 

 

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Water Diviner
Genre: Drama
Freigabealter: 12
Verleih: Universal
Laufzeit: 112 Min.