Und der Tod erzählte

„Ihr werdet sterben“ sind weiß Gott nicht die aufmunterndsten Worte, mit denen man sein Publikum begrüßen kann. Aber warum sollte der Erzähler drumherum reden? Schließlich weiß er am besten, dass am Ende jeder Lebensgeschichte immer das Gleiche steht. Nämlich eine Begegnung mit ihm – dem Tod. Getreu der erfolgreichen Romanvorlage des Australiers Markus Zusak ist er es, der dem Kinopublikum von Liesel Memminger erzählt: einem kleinen Mädchen, das sich als „Die Bücherdiebin“ nicht nur in sein Herz stahl.

In der Asche der verbrannten Bücher entdeckt Liesel (Sophie Nélisse) ein unversehrtes.

 

Als sie gerade neun war, traf der Tod (gesprochen von Ben Becker) Liesel (Sophie Nélisse) zum ersten Mal: Er holte ihren kleinen Bruder ab, während die Kinder auf dem Weg zu ihren neuen Pflegeeltern, Hans (Geoffrey Rush) und Rosa Hubermann (Emily Watson), waren. Auf der Beerdigung des Bruders stahl Liesel das erste Mal ein Buch: „Das Handbuch für Totengräber“, mit dem ihr ihr Ziehvater wenig später das Lesen beibringen sollte. Der Keller der Hubermanns wird Liesels Lern- und Lesezimmer, ihr eigenes Revier – dass sich das Mädchen aber bald mit einem jüdischen Flüchtling (Ben Schnetzer) teilen wird. Denn „Die Bücherdiebin“ spielt zu einer Zeit, in der es für den Tod mehr zu tun gab als sonst.

Ihr Ziehvater Hans (Geoffrey Rush) ist der wichtigste Mensch in Liesels (Sophie Nélisse) Leben.

 

Unglaublich große Mühe hat sich Produktionsdesigner Simon Elliott („Die Eiserne Lady“) gegeben, um das Außengelände der Babelsberger Filmstudios in ein fiktives bayerisches Städtchen in den 1930-ern zu verwandeln: Jedes Ladenschild, jeder Wegweiser, jedes noch so kleine Etikett ist in der internationalen Produktion in deutscher Sprache abgefasst. Selbst die Schutzumschläge der Bücher sind deutsch beschriftet, obwohl auf den Seiten letztlich englische Texte zu lesen sind. Auch die meisten Nebenrollen besetzte Brian Percival, Stammregisseur der britischen Kostümserie „Downton Abbey“, mit deutschen Darstellern, allen voran dem 13-jährigen Nico Liersch, der Liesels besten Freund Rudi spielt.

Mit Sorge beobachtet Hans (Geoffrey Rush), wie die Nazis auch in seinem Heimatort die Kontrolle an sich reißen.

 

Ganz langsam lässt Percival seine beiden kleinen Hauptfiguren begreifen, was um sie herum geschieht, was die roten Flaggen mit den Hakenkreuzen für ihr Leben tatsächlich bedeuten: Einmal schnappt Liesel etwa das Wort „Kommunisten“ auf, als über ihre leibliche Mutter gesprochen wird. Später hört sie dieses seltsame Wort als Synonym für den Feind auf einer Kundgebung wieder – und begreift. Erkenntnis um Erkenntnis gelangen die Kinder so zu ihrer ganz eigenen Meinung über die Nationalsozialisten und ihre Taten.

Heimlich schleicht sich Liesel (Sophie Nélisse) ins Haus des Bürgermeisters.

 

Kein Wort und keine Geste mehr als nötig ließ Brian Percival in seinem Drama zu, selbst der großartige Soundtrack von John Williams wird zurückhaltend eingesetzt: Der Regisseur scheint sich standhaft zu weigern, das Publikum mit den genre-üblichen Mitteln zu manipulieren. Ist die Geschichte, die Michael Petroni in Drehbuchform brachte, nicht stark genug, um zu bewegen? Spielen nicht die Darsteller gut genug, um zu Tränen zu rühren?

Im Luftschutzbunker erzählt Liesel (Sophie Nélisse) zur Ablenkung Geschichten - nicht nur Rosa (Emily Watson, rechts) und Rudi (Nico Liersch) lauschen gespannt.

 

Jenes Vertrauen in das Material, in die Schauspieler und in ein empathiebegabtes Publikum zeichnet den Emmy-Gewinner aus. Doch man kommt nicht umhin zu bemerken, dass Percivals Romanverfilmung oftmals seltsam distanziert wirkt. Hätten an der ein oder anderen Stelle nicht doch zwei, drei kleine Schnitte mehr die Spannung erhöht? Würden die Figuren nicht auch dann noch authentisch wirken, wenn sie nicht ganz so bedächtig redeten? Ein klein wenig mehr Manipulation hätte man sich gerne noch gefallen lassen.

 

Text: Annekatrin Liebisch / Fotos: © 2014 Twentieth Century Fox
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Book Thief
Genre: Drama
Freigabealter: 6
Verleih: Fox
Laufzeit: 132 Min.