Raumzeitlose Realität

Größer kann die Herausforderung für einen aufstrebenden Schauspieler kaum sein: Einen der genialsten Köpfe unserer Zeit darzustellen, einen weltbekannten Astrophysiker, der ebenso komplizierte wie revolutionäre Theorien aufstellte, dessen Körper und Auftreten jedoch im Laufe der Jahrzehnte immer mehr von seiner schweren Krankheit gezeichnet waren. Eddie Redmayne, der Shootingstar aus „Les Misérables“, meistert diese Herausforderung in seiner Rolle als Stephen Hawking im berührenden Biopic „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ hervorragend. Letztlich macht der junge Brite die bisweilen etwas schmalzigen Ansätze des Dramas, das auf den Memoiren von Hawkings Ex-Frau basiert, zur Nebensächlichkeit.

An der Uni Cambridge lernen sich der junge Hawking (Eddie Redmayne) und die hübsche Jane (Felicity Jones) in den 1960er-Jahren kennen.

 

Biopics noch lebender Personen gibt es selten, allerhöchstens von legendären Musikern (Bob Dylan in „I’m Not There“), Sportlern („Ali“) oder Staatsoberhäuptern („Die Queen“). Von Wissenschaftlern eher nicht, sind diese doch ohnehin eine Spezies, deren Popularität meist nicht ausreicht, um ihr Leben leinwandfüllend filmisch zu interpretieren. Anders bei Stephen Hawking: Der berühmte Physiker, der sich mit den elementaren Grundlagen von Raum, Zeit und Universum beschäftigt, schrieb nicht nur genügend populäre Bücher, die ihn weltweit bekannt machten. Auch sonst bot sein Leben jede Menge Stoff für ein zünftiges Drama: Große Liebe und große Menschheitsfragen, Dreiecksbeziehung und Trennung, letztlich auch das zusehende Voranschreiten seiner Nervenkrankheit, die ihn jedoch nie von seinem genialen Tun als Forscher abhielt.

 

Kennt man Hawking vornehmlich als den ironischen Wissenschaftler mit Rollstuhl und Roboterstimme, beleuchtet das Biopic „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ zunächst die unbekanntere Frühphase des Physikers. Bevor seine Krankheit erkannt wird, studiert der junge Hawking in den 1960er-Jahren in Cambridge – und verliebt sich dort in seine spätere Ehefrau Jane. Beeindruckend verkörpert Eddie Redmayne den hochtalentierten Schlacks mit dem süffisanten Lächeln. Auch seine Angebetete bekommt von Felicity Jones überaus glaubhafte Züge verliehen. Man merkt James Marsh’ Drama an, dass die Darsteller in engem Kontakt mit den echten Vorbildern ihrer Rollen standen.

Als junger und überaus begabter Physik-Student rast Stephen Hawking (Eddie Redmayne, rechts) mit dem Fahrrad über den Campus.

 

Zwar traf sich Redmayne vor dem Dreh nur ein Mal mit Hawking. Mit dessen Ex-Frau Jane jedoch, deren Memoiren „Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking“ als Vorlage für das Drehbuch von Anthony McCarten dienten, standen er und Jones in regem Austausch. Auch wenn es um kleinste Details ging, wie Redmayne verriet: „Eines Tages kam Jane während des Drehs auf mich zu und sagte: ‘Nein, Eddie, seine Frisur wäre viel chaotischer gewesen!’ und dann strubbelte sie mir durchs Haar“. Der Einfluss der echten Jane und ihres Buches ist unübersehbar: „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ dreht sich in erster Linie um die Beziehung der beiden – man könnte sagen: Mehr als ein Biopic ist es die (wahre) Geschichte einer großen Liebe, die herausgefordert wird, schließlich scheitert und dennoch unvergessen bleibt.

 

Die beiden flirten also heftigst, gleichzeitig beeindruckt der junge Hawking die ehrwürdige Physikergarde mit seinen ungewöhnlichen Ansätzen. Doch sein Körper verhält sich eigenartig, er beginnt zu stolpern und stottern. In das junge Liebes- und Forscherglück platzt plötzlich die Diagnose der unheilbaren Nervenkrankheit ALS – Lebenserwartung: zwei Jahre. Von nun an dreht sich das Drama um Hawkings fortschreitenden körperlichen Verfall – und den Umgang Janes damit, die mittlerweile seine Frau ist. Imposant ist Redmaynes Darstellung der voranschreitenden Krankheit, des gefühllosen Körpers, der es nur über die Augen vermag, Emotionen auszudrücken. Fabelhaft, wie er Hawkings feinfühligen Sinn für Humor trifft, ganz ohne Mimik, Gestik und Sprache.

Nach der Diagnose ALS: Hawking (Eddie Redmayne) ist verzweifelt. Was wird aus seiner Liebe? Was aus seiner Forschung?

 

Mit der Zeit wird „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ dann zur veritablen Ménage à trois unter ungewöhnlichen Vorzeichen. So packt die zwar sehr berührende, in vielen Momenten aber beträchtlich schmalzige Lebensverfilmung nach dem romantischen Turtel-Anfang nun natürlich die grundlegenden Moralfragen aus. Auch entwickelt sich gegen Ende alles etwas rasant, ganz so als habe man unter allen Umständen die gesamte Ehe von Jane und Stephen Hawking in einen Spielfilm packen wollen.

 

Ein bisschen weniger Kitsch und ein bisschen mehr Kontext zur Krankheit und Forschung Hawkings hätte dem ansonsten überzeugenden Biopic gut getan. So wird „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ vor allem als jener Film in Erinnerung bleiben, der die Liebesgeschichte des größten Physikers unserer Zeit erzählt. Und dabei mit einem grandiosen Hauptdarsteller auftrumpft, der zu Recht als potenzieller Oscar-Nominee gilt.

 

Text: Maximilian Haase / Fotos: © Universal Pictures
Quelle: teleschau – der mediendienst

 

Das Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" erzählt die Geschichte Stephen Hawkings vor allem anhand der Romanze mit seiner Ex-Frau Jane, auf deren Memoiren das Drama basiert.

 

 
 
 
Filmbewertung: überzeugend
Originaltitel: The Theory Of Everything
Genre: Drama
Freigabealter: 0
Verleih: Universal
Laufzeit: 123 Min.